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† Tag.Monat.Jahr in
Staatsangehörigkeit bei Geburt: Uruguayisch
| Bereich | Art | Von | Bis | Ort |
|---|---|---|---|---|
| Bildender Künstler | ||||
| Museologe |
Movimiento de Liberación Nacional- Tupamaros
Ort: UruguayEintrittsgrund:
Funktion / Tätigkeit:
Partei Frente Amplio
Ort:Eintrittsgrund:
Funktion / Tätigkeit: Künstlerische Unterstützung als autonomer Bestandteil
Museo de la Memoria Uruguay
Ort: MontevideoEintrittsgrund:
Funktion / Tätigkeit: Direktor
Recht auf Leben, Freiheit und Sicherheit
Verbot von Sklaverei oder Leibeigenschaft
Verbot von Folter oder grausamer, unmenschlicher Behandlung
Gleichheit vor dem Gesetz
Recht an der Gestaltung der öffentlichen Ordnung mitzuwirken
Recht auf Teilhabe am kulturellen Leben, Freiheit von Wissenschaft und Bildung
EINLEITUNG
Ferrarios Lebensweg prägt der fortlaufende Kampf für die Freiheit des Einzelnen gegenüber einem gewalttätigen Staatsapparat; vor allem in Zeiten, in denen diese Freiheit am stärksten bedroht ist.
DIE GESCHICHTE
Als im Oktober 2006 das „Museo de la Memoria“ in Uruguays Hauptstadt Montevideo eröffnet wird, liegt das Ende der zivil-militärischen Diktatur über 20 Jahre zurück. Dass eine Institution der Erinnerung und der Auseinandersetzung mit den Verbrechen des Staatsapparats zur Diktaturzeit möglich wurde, ist eine Errungenschaft kollektiver zivilgesellschaftlicher Bemühung. Der Kampf für „justicia, verdad y memoria“ ist der Grundsatz, der zahllosen Initiativen, die der Wahrung der Menschenrechte und der Aufarbeitung der jüngeren Vergangenheit des Landes dienen, eine gemeinschaftliche Identität gibt.
Elbio Ferrario ist eine emblematische Figur des fortlaufenden Kampfes gegen staatliches Unrecht in seinem Land. Mit den Wendungen der Geschichte Uruguays seit den 1960er Jahren bis heute wandelte sich auch der Ausdruck seines Widerstandes, nicht aber dessen Ziel: jede Form autoritärer Staatlichkeit, die die Freiheit und Menschenrechte der Bürger nicht anerkennt, zu verhindern.
Ferrario ist Mitbegründer und Leiter des „Museo de la Memoria“ in Montevideo. In der Gestaltung der ständigen Ausstellung zeigt sich die künstlerische Provenienz Ferrarios, der vornehmlich als Maler und Illustrator arbeitet.

El árbol de la vida, Druck. © Elbio Ferrario, Grafik aus dem „Penal de la Libertad“ (1976-1978)
Das Museum liegt in einem Außenbezirk Montevideos und ist von einem weitläufigen Garten umgeben. Der Kontrast zwischen der Friedlichkeit des Gartens und der in der Ausstellung eindrücklich zur Schau gestellten Verachtung und Grausamkeit, mit der das Regime politischen Gegnern begegnete, wirkt auf den Besucher beklemmend.
Als langjähriger Strafgefangener hat Ferrario am eigenen Leib Misshandlungen und Menschenrechtsverletzungen erlebt. Die oppositionelle Haltung, die ihn selbst zum Gegner der Obrigkeit machte, entfaltete sich zum Ende der 1960er Jahre. Damals baute die demokratisch legitimierte Regierung den Staat stückweise in ein totalitäres System um, angefangen bei der Beschneidung von Bürgerrechten wie der Versammlung-, Meinungs- und Vereinigungsfreiheit. Ferrario war damals Kunststudent und in der Studentenbewegung engagiert, die durch Plakate, Wandmalereien und öffentliche Kundgebungen Einfluss auf den gesellschaftlichen Diskurs nahm. Zur strukturellen Schwächung der oppositionellen Gruppen wurden bereits in diesen Jahren viele ihrer Anhänger inhaftiert. Auch Ferrario wurde das erste Mal von der Polizei festgesetzt, als Minderjähriger jedoch nicht in Haft genommen.

Mano Paloma, Gravur einer Vinylplatte, 22/100. © Elbio Ferrario, Grafik aus dem „Penal de la Libertad“ (1976-1978)

Golero, Holzschnitt. © Elbio Ferrario, Grafik aus dem „Penal de la Libertad“ (1976-1978)
Als Ferrario wenig später mit einem Kommilitonen auf offener Straße von Mitgliedern einer rechten paramilitärischen Gruppe, den sogenannten „Todesschwadronen“, entführt und gewalttätig gedrängt wurde, den Aufenthaltsort eines Mitstreiters preiszugeben, wusste er, dass er nicht länger in einem Rechtsstaat lebte. Einen der Entführer hatte er als einen ihm bekannten Polizisten identifiziert.
1970 wurde Ferrario Teil der „MLN- Tupamaros“. Er fertigte politische Kommunikationsmittel an, fälschte Urkunden, baute geheime Verstecke in Wohnhäusern aus. Die Gruppe sei vor allem, so schildert es Ferrario im Gespräch, an bewaffneten propagandistischen Aktionen interessiert gewesen. So überfielen sie Warentransporte großer Firmen und verteilten die Güter an die notleidende Bevölkerung.
Nachdem Ferrario im Jahr 1971 auch Teil der bewaffneten Einheiten der Tupamaros geworden war, wurde er mit zwei Mitstreitern und seiner Mutter, die sich den Tupamaros ebenfalls angeschlossen hatte, von der Polizei festgenommen. Die „Medidas Prontas de Seguridad“ erlaubten es dem damaligen Präsidenten Jorge Pacheco, verfassungsrechtliche Garantien zu umgehen und wie im Fall von Ferrario Verhaftungen ohne Prozess und Anhörung durchführen zu lassen. Von August bis Dezember war Ferrario in der Jugendhaftanstalt „Alvaro Cortez“ interniert.
Aus der Haft entlassen setzte Ferrario den Widerstandskampf als Teil der Tupamaros fort, wurde im Jahr 1972 abermals festgenommen und sollte 13 Jahre, bis zum Ende der Diktatur im Jahr 1985, ohne Unterbrechung in Haft bleiben.
In einem Scheinprozess im Rahmen der Militärjustiz und unter Missachtung rechtsstaatlicher Standards wurde er zu 24 Jahren Gefängnis verurteilt. Als Straftatbestände wurden ihm „Angriff auf die Verfassungsordnung“, Verschwörung und Raub zur Last gelegt.
Zur Informationsgewinnung wurde Ferrario während der Haft unter anderem mit der „Waterboarding“- Methode gefoltert. Ob und wann weitere Folterungen stattfinden würden, wusste er zu keinem Zeitpunkt. Als eine tiefe psychologische Folter empfand Ferrario die Langwierigkeit der Haft und die Unkenntnis darüber, ob er jemals wieder freikommen würde.
Die Möglichkeiten, künstlerisch tätig zu werden, in gemeinsamen Werkstätten mit anderen Gefangenen Produkte wie Siebdrucke oder Lederarbeiten herzustellen, wurden nach dem Staatsstreich im Juni 1973 weitestgehend eingeschränkt. Damit war innerhalb des Gefängnisses eine wichtige Kommunikationsmöglichkeit mit anderen Insassen unterbunden; auch Mitteilungen an die Außenwelt wurden erschwert. Vorher hatte die Möglichkeit bestanden, Botschaften an Bekannte außerhalb des Gefängnisses zu senden, indem die Zensur durch symbolhafte Darstellungen – Ferrario bediente sich vor allem der Malerei und Holzarbeiten – umgangen werden konnte. Die Produktion von Kunst bedeutete nicht nur, Lebenszeichen an die Außenwelt zu senden und durch den Verkauf eine Finanzierungsquelle für die Familien zu unterhalten, sondern erlaubte es den Gefangenen auch, sich einen Widerstandsgeist zu erhalten. Kunst herzustellen bedeutete, sich der vollständigen Fremdbestimmtheit des Gefängnisses zu entziehen und ein Stück der eigenen Persönlichkeit vor der Kontrolle durch die Wärter zu bewahren.

John Lennon, Gravur einer Vinylplatte, 23/100. © Elbio Ferrario, Grafik aus dem „Penal de la Libertad“ (1976-1978)

Yoko Ono, Gravur einer Vinylplatte, 23/100. © Elbio Ferrario, Grafik aus dem „Penal de la Libertad“ (1976-1978)
Ferrario erinnert sich an Zellengenossen, die verbotene Bücher in kleinster Schrift auf Papierfetzen niederzuschreiben begannen, um sie im Umlauf zu behalten.
Ferrario blieb bis zum Erlass der Amnestie durch die neue demokratische Regierung im März 1985 inhaftiert. Die Menschen bildeten ein Spalier für die Entlassenen vom Gefängnis bis in die Stadt; Ferrario erinnert sich daran als einen hochemotionalen Moment der Anteilnahme.
In der zurückerlangten Freiheit setzte Ferrario seine künstlerische Arbeit fort, präsentierte in ersten Ausstellungen Arbeiten aus der Gefängniszeit und wirkte in verschiedenen Funktionen am traditionsreichen Teatro El Galpón in Montevideo. Außerdem begann er ein Studium der Architektur.
Mit dem Ende der Diktatur endete die Existenz der „MLN- Tupamaros“ als bewaffnete Gruppe. Ferrario führte seine aktivistische Arbeit als autonomer Bestandteil innerhalb der „Frente Amplio“ weiter; einem Bündnis linker Parteien.
Außerdem begann er, mit dem Schriftsteller Mauricio Rosencof zusammenzuarbeiten, der ebenfalls aus politischen Motiven inhaftiert gewesen war und im Gefängnis weiter schrieb. Ferrario illustrierte einige der Bücher Rosencofs. Da es nicht unmittelbar den Willen in der Bevölkerung gegeben habe, die jüngste Vergangenheit aufzuarbeiten, habe es gedauert, bis seine Veröffentlichungen eine größere öffentliche Resonanz fanden. „Es gab einen Moment der Stille“ und es sei selbst in den Familien schwierig gewesen, über die Erlebnisse zu sprechen.

La salida de la fábrica, Linoldruck, 16/100. © Elbio Ferrario, Grafik aus dem „Penal de la Libertad“ (1976-1978)
1996 fand erstmalig der inzwischen zur Institution gewordene „Marcha de Silencio“ („Marsch der Stille“) statt, in dessen Rahmen öffentlich der Verschleppten gedacht und deren Schicksal aufzuklären gefordert wurde. Zwei Jahre später wurde Ferrario von den Initiatoren der „Marcha de Silencio“ beauftragt, einen passenden Abschluss für die Kundgebung zu gestalten. Andere Künstler wurden in den Gestaltungsprozess eingebunden und die „Marcha de Silencio“ blieb schließlich keine herkömmliche Demonstration, sondern wurde gleichzeitig zu einem „performativen Akt“. Kunst und Erinnerung begannen sich zu vermischen und die Kunst wurde zum „Ausdruck des Erinnerung“. Im Umfeld der „Marcha de Silencio“ entstand schließlich auch die Überlegung, ein Museum der Erinnerungskultur aufzubauen.
Die Planungen für das Museum konkretisierten sich allerdings erst im Jahr 2005, als Mauricio Rosencof Kulturbeauftragter der neuamtierenden Regierung der Frente Amplio wurde. Die Öffentlichkeit und Interessengruppen wurden an der Planung beteiligt, sodass sich ein „kollektives Projekt“ entwickelte.
2006 wurde endgültig beschlossen, das Museum zu bauen und Ferrario die kommissarische Leitung übertragen. In der Gestaltung des Museums verband Ferrario seine architektonischen und dramaturgischen Erfahrungen und kuratierte die Ausstellung zu einer „erzählerischen Konstruktion“.
Ferrario erklärt, dass alle Ausstellungsstücke von den Bürgerinnen und Bürgern selbst in das Museum gebracht wurden und daher all jenes zu Ausstellungsstücken wurde, was die Bevölkerung als erinnerungswürdig erachtete. Die Museumsleitung übernahm später nur die künstlerische und ausstellerische Ordnung.
Man habe sich bei der Gestaltung des Museums an den Konzepten der „kritischen Museologie“ orientiert und das Museum als einen Ort des Vertrauens zu begreifen versucht, an dem sich ein sozialer Wandel konkretisieren könnte. Die Schilder mit den Gesichtern der Verschollenen entstammen der allerersten „Marcha de Silencio“; sie werden jedes Jahr zur Kundgebung von den Angehörigen aus dem Museum geholt und später zurück zur Ausstellung gebracht.
In der Erinnerungsarbeit erkennt Ferrario Schwankungen, es gebe ständig Vor- und Rückschritte, weshalb sie als etwas Kontinuierliches und mit Beharrlichkeit zu betreibendes zu begreifen ist. Die memoria in Uruguay ist ein Spielfeld konstanter politischer Auseinandersetzung; es herrscht ein ständiger Kampf um die Deutungshoheit der jüngeren Geschichte. Der Aufstieg der Rechtsaußenpartei „Cabildo Abierto“, die bis dato unbestrittene Gewissheiten zur Verantwortung der staatlichen Repressionsherrschaft anzweifelt, zeigt für Ferrario, dass der Kampf um die angemessene Darstellung der jüngeren Geschichte weitergehen werde.
Ferrario fordert, auf solche teils revisionistischen Strömungen und die Bagatellisierung der Verbrechen deutlich zu entgegnen, dass die Verbrechen der zivil-militärischen Diktatur die Gesellschaft insgesamt betroffen haben und weiterhin betreffen. Die Antwort müsse in einer Politik liegen, die dafür ein Bewusstsein schafft. Auch die strafrechtliche Verfolgung der Staatsverbrechen sei ein Teil einer solchen Politik. Selbst dann, wenn die Taten juristisch bereits verjährt sind, keine Strafsprüche mehr ergehen können und ein Prozess daher symbolischer Natur sei, gelte es für den Staat zu signalisieren, dass Unrecht als solches erkannt und missbilligt wird. Der Bevölkerung obliege es, den Gesetzgeber zum Handeln zu bewegen. Ein kürzlich in Kraft getretenes Gesetz über die Errichtung von „Sitios de memoria“ („Orte der Erinnerung“) sei größtenteils durch den Druck seitens des Museums entstanden.
Es entspricht Ferrarios Philosophie des Museums, die Bürgerinnen und Bürger einzuladen, einen Austausch herzustellen und die kollektiven Erfahrungen in die Arbeit einfließen zu lassen. Andererseits eröffnet die integrative Arbeit dem Museum die Möglichkeit, aktive Erinnerungspolitik zu betreiben, ohne selbst eine politische Partei zu sein. Ferrario konstatiert, die Gemeinschaft beginne bereits, eine eigene, auf persönlichen und familiären Erfahrungen beruhende Erinnerungskultur zu produzieren.
Das Museum solle trotzdem nicht als ein der Gegenwart abgewandter Ort verstanden werden. Im Gegenteil, der Wert der Erinnerung zeige sich erst in den Lehren für den Umgang mit gegenwärtigen Entwicklungen.
Ferrario betont die Trefflichkeit von Benjamins Bild des „Blitzes aus der Vergangenheit, der die Gefahren der Gegenwart beleuchtet“. Daher sei seine Form der memoria eine memoria activa.

Niños músicos latinoamericanos, zweifarbiger Linoldruck. © Elbio Ferrario, Grafik aus dem „Penal de la Libertad“ (1976-1978)
Autor: Yannik Holsten
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