"Ein Mensch mit Ecken und Kanten, der aber konsequent die Wahrheit gesucht hat."

Bischof Rudolf Voderholzer über Fritz Gerlich

"Ich weigere mich, mich zu erschießen. Ich bin Katholik."

Fritz Gerlich
* 15.02.1883 in Stettin (damals Deutsches Reich, heute Polen)
† 01.07.1934 in Dachau bei München
Staatsangehörigkeit bei Geburt: Deutsch
Staatsangehörigkeit bei Tod: Deutsch
Mutter

Therese Gerlich (geb. Scholwin)

Vater

Friedrich Adolph Paul Gerlich

Ehefrau

Sophie Gerlich (geb. Stempfle)

Land des Kampfes für die Menschenrechte: Deutschland (insbesondere während der Weimarer Republik und der frühen NS-Zeit)
Ort des Kampfes für Menschenrechte: Sein Ort des Kampfes war vor allem München, wo er als Journalist und Herausgeber der regimekritischen Zeitung "Der Gerade Weg" aktiv gegen den Nationalsozialismus schrieb.
Bereich Art Von Bis Ort
Naturwissenschaften und Geschichte Studium ca. 1901 1907 München und Leipzig
Bayerischer Archivdienst Historiker/Archivar ca. 1907 1920
Journalismus Chefredakteur der Münchner Neuesten Nachrichten 1920 1928 München
Staatsdienst Beamter 1929 1931 Bayern
Journalismus Herausgeber von "Der Gerade Weg" 1931 1933 München
Konfession: Katholisch

Liberaler Arbeiterverein

Ort: München
Eintrittsgrund: Nähe zu Friedrich Naumann und dessen „Nationalsozialem Verein“
Funktion / Tätigkeit: Sekretär

Volksausschuss für rasche Niederkämpfung Englands

Ort: München
Eintrittsgrund:
Funktion / Tätigkeit:

Zeitschrift „Die Wirklichkeit“

Ort: München
Eintrittsgrund: Förderung einer national geprägten Ordnung und Rechtsstaatlichkeit
Funktion / Tätigkeit: Mitbegründer, Herausgeber und Publizist

Leitmotiv

Fritz Gerlichs Leben steht für mutigen Widerstand gegen den Nationalsozialismus, Wahrheitssuche und den Kampf für Menschenwürde und Meinungs- und Pressefreiheit. Er erkannte früh die Gefahren des Hitler-Regimes und setzte sein Leben für eine freie Presse und Gerechtigkeit ein.

Wie wurde die Geschichte bekannt?

Durch seine journalistische Arbeit, insbesondere als Herausgeber von Der Gerade Weg, sowie durch seine mutige Opposition gegen Hitler.

Wann wurde die Geschichte bekannt?

Seine Bedeutung wurde bereits in den 1930er-Jahren durch seine Schriften deutlich.

Wo wurde die Geschichte bekannt?

Vor allem in Deutschland, aber auch international durch spätere Studien über den Widerstand gegen den Nationalsozialismus.

Durch wen wurde die Geschichte bekannt?

Historiker, Journalisten und katholische Kreise, die sein Wirken für den Widerstand würdigten.

Preise, Auszeichnungen

In München wurde eine Straße nach Fritz Gerlich benannt, 2017 leitete das Erzbistum München und Freising das Verfahren zur Seligsprechung von Fritz Gerlich ein.

2017 wurde ebenfalls der „Fritz Gerlich Preis“ ins Leben gerufen, der im Rahmen des Münchner Filmfestes für herausragende Filme zum Thema Widerstand und Menschenrechte verliehen wird.

 

Eigene Werke

  • Schriften in Der Gerade Weg (1931-1933)
  • Artikel in Münchner Neueste Nachrichten (1920-1928)
  • Die Wirklichkeit – politische Zeitschrift, die er 1917 mitbegründete

Fritz Gerlichs Widerstand gegen den Nationalsozialismus wurde durch seine religiösen Überzeugungen, besonders seine katholische Konversion, sowie durch die Inspiration von Therese Neumann von Konnersreuth gestärkt. Politische Unterstützer wie Erich Fürst von Waldburg-Zeil und seine Arbeit als Chefredakteur der Münchner Neuesten Nachrichten verstärkten seinen Widerstand. Besonders die zunehmende Bedrohung durch den Nationalsozialismus und seine moralischen Prinzipien trugen dazu bei, dass er sich entschlossen gegen Hitler stellte.

Menschenwürde
Recht auf Leben, Freiheit und Sicherheit
Gleichheit vor dem Gesetz
Anspruch auf Rechtsschutz
Verbot der willkürlichen Verhaftung oder Ausweisung
Religionsfreiheit
Recht auf freie Meinungsäußerung
Recht auf soziale Sicherheit
Recht auf Wahrheit

EINLEITUNG

Fritz Gerlich war ein mutiger Journalist und Widerstandskämpfer gegen den Nationalsozialismus. In einer Zeit, in der der NS-Staat immer mehr an Macht gewann, stellte er sich entschlossen gegen das Regime. Gerlichs Leben und Engagement waren geprägt von seiner tiefen religiösen Überzeugung und einem unerschütterlichen Sinn für Gerechtigkeit. Als Chefredakteur der Zeitung Der Gerade Weg und Mitglied katholischer Widerstandskreise trug er maßgeblich zur geistigen Opposition gegen Hitler bei. Trotz der wachsenden Gefahr für sein Leben blieb er standhaft in seinem Widerstand.

DIE GESCHICHTE

Fritz Gerlich als junger Mann, © Erzdiözese München und Freising

Fritz Gerlich wurde am 15. Februar 1883 in Stettin geboren, wo er das Marienstiftsgymnasium besuchte. Fast alle seine Vorfahren stammten aus Stettin und waren protestantisch. Sein Großvater väterlicherseits, Johann Friedrich Gerlich (1814-1906), war als Hauptoboist und später als Zollbeamter tätig. Sein Großvater mütterlicherseits, Karl Friedrich Wilhelm Scholwin (1801-1889), war Kornträger im Hafen von Stettin. [1]

Schon früh zeigte er eine außergewöhnliche Begabung für Naturwissenschaften und Geschichte. Er schrieb sich an der Universität in München für Geschichte & Anthropologie ein, später studierte er auch in Leipzig Mathe und Physik und belegte verschiedenste Kurse. Während seines Studiums engagierte er sich politisch und wurde Vorsitzender der „Freien Münchner Studentenschaft“. 1907 promovierte er und trat in den bayerischen Archivdienst ein. Seine akademischen Fähigkeiten machten ihn für die Historische Kommission unentbehrlich, sodass er zwischen 1909 und 1912 den Registerband für die „Allgemeine Deutsche Biographie“ erstellte. [2]

Der in Stettin aufgewachsene Preuße wurde als rücksichtsloser Wahrheitssucher mit calvinistisch-reformiertem Charakter beschrieben. [3]

 

Erste journalistische Schritte

Der Erste Weltkrieg war für Gerlich ein einschneidendes Erlebnis, auch wenn er aus gesundheitlichen Gründen nicht selbst am Kriegsdienst teilnahm. Stattdessen vertrat er in seinen Schriften dezidiert alldeutsche Kriegsziele und beteiligte sich aktiv an der politischen Diskussion. Gemeinsam mit E. Graf Bothmer und F. Freksa gründete er 1917 die Monatsschrift „Die Wirklichkeit“, die wegen ihrer radikalen Tendenzen bereits im Herbst desselben Jahres von der Zensur verboten wurde. Nach dem Krieg erlebte er die Wirren der Räterepublik hautnah mit. Während der revolutionären Umwälzungen 1919 ging er mit der bayerischen Regierung unter Ministerpräsident Hoffmann nach Bamberg. Er war maßgeblich an der Organisation der Rückeroberung Münchens durch republiktreue Kräfte beteiligt und stellte Verbindungen zu Gustav Noske her. Nach der Niederschlagung der Räterepublik kehrte er nach München zurück und unterstützte verschiedene Heimatschutzvereine durch Vorträge und Artikel. [4]

Er veröffentlichte zahlreiche kritische Artikel, vor allem in den „Historisch-politischen Blättern“ und den „Süddeutschen Monatsheften“. Seine publizistische Tätigkeit brachte ihn in Konflikt mit extremistischen Kreisen, unter anderem mit dem völkischen Publizisten Dietrich Eckart. In einem Beleidigungsprozess wurde Gerlich von Eckart wegen seiner angeblichen jüdischen Abstammung als „Judenzer“ bezeichnet, was auf die aufgeheizte antisemitische Stimmung der Zeit hinweist. [5]

Sophie Gerlich, geb. Stempfle, um 1920, © Erzdiözese München und Freising

Ein Wendepunkt in seiner beruflichen Laufbahn trat 1920 ein, als ihn Paul Nikolaus Cossmann auf Empfehlung des Generaldirektors der Staatlichen Archive Bayerns, Jochner, zum Hauptschriftleiter der „Münchner Neuesten Nachrichten“ berief, einem Vorgängerblatt der heutigen „Süddeutschen Zeitung“. Unter Gerlichs Leitung entwickelte sich das Blatt von einem krisengeschüttelten Blatt zur angesehensten Tageszeitung Süddeutschlands. Anfangs unterstützte er den bayerischen Generalstaatskommissar Kahr und wirkte sogar an dessen Rede am 8. November 1923 im Münchner Bürgerbräukeller mit, die von Adolf Hitler unterbrochen wurde, als dieser den Putschversuch der Nationalsozialisten einleitete. In den folgenden Jahren änderte sich Gerlichs politische Einstellung. Nach dem sogenannten Dolchstoßprozess 1925 führte er die Zeitung in eine gemäßigt konservative Richtung, die sich stärker an den politischen Gegebenheiten Bayerns orientierte. Persönliche Differenzen führten 1928 zum Rücktritt als Hauptschriftleiter und zur Rückkehr in den Archivdienst. [6]

1920 heiratete Gerlich Sophie Botzenhart, geb. Stempfle (1883–1956). Die Ehe blieb kinderlos. Die Ehefrau war Fritz Gerlich nach eigenen Aussagen „geistig nicht ebenbürtig“, sie soll viel „gejammert“ haben, und sie wurde von ihrem Ehemann „vernachlässigt“. [7]

Religiöser Wandel

Fritz Gerlich, ursprünglich skeptischer Calvinist, erlebte 1927 eine religiöse Wende, als er Therese Neumann (auch „Resl von Konnersreuth“) in Bayern traf. Durch die angeblich an ihrem Körper auftretenden Stigmata und Visionen wurde sie zur damaligen Zeit sehr bekannt und nahm auch auf Fritz Gerlich großen Einfluss. 1931 konvertierte er zum Katholizismus.

Durch seine Kontakte hatte Gerlich 1930 die Münchner Wochenschrift „Illustrierter Sonntag“ übernommen, die bei politischen Äußerungen eher zurückhaltend auftrat. Ab Juli 1931 wurde sie ein immer stärkeres Anti-NS-Organ, zu einem Kampfblatt gegen den Nationalsozialismus. Es folgte die Umbenennung der Zeitschrift in „Der gerade Weg. Deutsche Zeitung für Wahrheit und Recht.“ [8]

Gemeinsam mit Pater Ingbert Naab macht Gerlich die Zeitung zu einem scharfen Anti-NS-Organ. Gerlich zeichnete außerdem viele Karikaturen, die in „Der gerade Weg“ veröffentlicht wurden. Eine Auswahl der Karikaturen ist hier zu finden.

„Der Nationalsozialismus ist eine Pest! […] Nationalsozialismus aber bedeutet: Feindschaft mit den benachbarten Nationen, Gewaltherrschaft im Innern, Bürgerkrieg, Völkerkrieg. Nationalsozialismus heißt: Lüge, Haß, Brudermord und grenzenlose Not. Adolf Hitler verkündigt das Recht der Lüge. […] Ihr, die ihr diesem Betruge eines um die Gewaltherrschaft Besessenen verfallen seid, erwacht! Es geht um Deutschlands, um Euer, um Eurer Kinder Schicksal.“ [9]

Der gerade Weg : deutsche Zeitung für Wahrheit und Recht. 1932 = Jg. 4, 24.04.1932. München : Naturrechtsverl., Digitalisat Bayerische Staatsbibliothek

Der gerade Weg : deutsche Zeitung für Wahrheit und Recht. 1932 = Jg. 4, 04.09.1932. München : Naturrechtsverl., Digitalisat Bayerische Staatsbibliothek

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Seine kompromisslose Kritik an Hitler brachte Fritz Gerlich nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten in Haft. Er wurde am 9. März 1933 in den Redaktionsräumen von „Der gerade Weg“ misshandelt und verhaftet, von dort aus ins Polizeigefängnis gebracht und in „Schutzhaft“ genommen.

Im Innsbrucker „Volksruf“ wurde am 10. Mai 1933 ein flammender Artikel mit der Überschrift „Wo ist Dr. Gerlich?“ veröffentlicht: „Es ist das Gerücht entstanden, Gerlich sei bereits tot. „Dafür, für dieses mannhaft katholische Eintreten für Recht und Gerechtigkeit mußte Dr. Gerlich sterben (…). Wir werden nicht ruhen und rasten, bis wir Klarheit in den Fall Dr. Gerlich gebracht haben, bis wir wissen, ob aus dem Zeugen der katholischen Wahrheit ein Blutzeuge des Glaubens und der Gerechtigkeit geworden ist. Ist Dr. Gerlich tot – und alles spricht dafür –, dann ist er ein Märtyrer der katholischen Kirche, gefällt vom Hakenkreuzterror.“ [10]

Auch katholische Bischöfe versuchten, seine Freilassung zu erwirken, scheiterten jedoch. Im Polizeigefängnis wurde Gerlich mehrfach misshandelt, bis hin zur Aufforderung, sich selbst zu erschießen, woraufhin er erwiderte: „Ich weigere mich, mich selbst zu erschießen. Ich bin Katholik.“ [11]

Nach schwerer Misshandlung wurde Fritz Gerlich in der Nacht vom 30. Juni  auf den 1. Juli 1934 anlässlich des Röhm-Putsches im KZ Dachau ermordet.

Gerlichs Mut und Wahrheitsliebe machten ihn zu einem der entschlossensten Gegner des Nationalsozialismus. Er bleibt bis heute ein Symbol für Mut, Widerstand und Pressefreiheit. Gerlich ließ es sich nicht nehmen, für die Wahrheit einzustehen. Sein Glaube war dabei eine wichtige Leitlinie, die ihn auf den richtigen Weg führte. Mit seiner Zeitschrift wollte er die Menschen aufklären und die grausamen Taten des NS-Regimes ans Licht bringen.

Fritz Gerlich 1929. Gemeinfrei/ Markus Siedler

„Man versuchte, ihn zu überreden, sofort in die Schweiz zu fliehen. Er hatte ein Auto – einen Chrysler, er hatte Geld. Er hat gesagt: Nein, Euch wird man dann verhaften. Ich bleibe hier, ich stehe zu dem, was ich geschrieben habe.“ [12] – Klaus Schumann über Fritz Gerlich

 

Gedenkplatte für Fritz Gerlich am Nachfolgebau des ehemaligen Verlagsgebäudes der Süddeutschen Zeitung, © Henning Schlottmann, CC BY 4.0

 

 

Autorin: Ebru Özbay

Kontakt: info@fritz-bauer-forum.de

 

Quellen:

 

Fußnoten:

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