„Für diejenigen, die ihn kannten und die mit ihm gearbeitet hatten, war sein Leben ein Leben des Dienstes an der Sache der Arbeiter und des Sozialismus.“

Ebby Edwards, Sekretär des Internationalen Bergarbeiterverbandes

„Husemann ein ehrendes Andenken zu bewahren heißt für uns heute: Eintreten für soziale Gerechtigkeit und Solidarität, Stärkung der Demokratie sowie der Freiheitsrechte, die für alle Bürgerinnen und Bürgergleichermaßen [sic!] gelten müssen!“

Dr. Karsten Rudolph – Auf der Flucht erschossen. Erinnerung an die Ermordung Fritz Husemanns vor 85 Jahren
* 19.09.1873 in Leopoldstal (Lippe)
† 15.04.1935 in unklar, vermutlich Konzentrationslager Esterwegen oder Kreiskrankenhaus Sögel
Staatsangehörigkeit bei Geburt: Deutsch
Staatsangehörigkeit bei Tod: Deutsch
Vater

Henrik Becker

* 1837
† 1888
Mutter

Marie Wilh. Henriette verw. Husemann, geb. Günther

* 1842
† 1897
Ehefrau

Mathilde Nilson

Sohn

Tochter

Tochter

Tochter

Land des Kampfes für die Menschenrechte: Deutschland
Ort des Kampfes für Menschenrechte: hauptsächlich Ruhrgebiet
Bereich Art Von Bis Ort
Er wird hauptamtlicher Kreisvertrauensmann des Bergarbeiterverbandes und Korrespondent der Dortmunder Arbeiterzeitung. 1900 Dortmund
Beruf Anstellung als „Verbandsbeamter“ in der Bochumer Verbandszentrale 01.07.1902 Bochum

Fortschrittspartei

Ort:
Eintrittsgrund:
Funktion / Tätigkeit:

Beitritt in die Maurergewerkschaft

Ort:
Eintrittsgrund:
Funktion / Tätigkeit:

Beitritt in die SPD

Ort: Bielefeld, 1891
Eintrittsgrund:
Funktion / Tätigkeit:

„Alter Bergarbeiterverband“ (Verband der Bergbauindustriearbeiter Deutschlands)

Ort: Ruhrgebiet, Herbst 1892
Eintrittsgrund:
Funktion / Tätigkeit: Nach dem Bergarbeiterstreik von 1893 engagiert er sich zunehmend in Partei und Gewerkschaft.

Wahl in den Vorstand des Bergarbeiterverbandes auf der Generalversammlung

Ort: Zwickau, 1903
Eintrittsgrund:
Funktion / Tätigkeit:

Wahl zum zweiten (stellvertretenden) Vorsitzenden des Bergarbeiterverbandes

Ort: Bochum, 1911
Eintrittsgrund:
Funktion / Tätigkeit:

Vorsitzender des Bochumer Arbeiter- und Soldatenrats

Ort: Bochum, November 1918
Eintrittsgrund:
Funktion / Tätigkeit:

Wahl zum ersten Vorsitzenden des Bergarbeiterverbandes, zudem wird er Vorstandsmitglied der Bergarbeiter-Internationale, zweiter Vorsitzender des Internationalen Arbeitsamtes und Mitglied des Reichskohlenrates

Ort: Anfang 1920
Eintrittsgrund:
Funktion / Tätigkeit:

als Bochumer Stadtverordneter Mitglied des Preußischen Landtages (SPD-Fraktion)

Ort: 1919–1924
Eintrittsgrund:
Funktion / Tätigkeit:

Mitglied im Aufsichtsrat des Kohlesyndikats Essen

Ort: Essen, 1924
Eintrittsgrund:
Funktion / Tätigkeit:

Mitglied des Deutschen Reichstages

Ort: 1924–1933
Eintrittsgrund:
Funktion / Tätigkeit:

Die politische Einstellung von Husemann und die Solidarität ihm gegenüber bestärkten ihn.

Recht auf freie Meinungsäußerung
Versammlungs- und Vereinigungsfreiheit
Recht an der Gestaltung der öffentlichen Ordnung mitzuwirken
Recht auf soziale Sicherheit
Nahrung
Recht auf bezahlte Arbeit, gleichen Lohn für gleichwertige Arbeit
Anspruch auf Erholung, Freizeit und bezahlten Urlaub
Anspruch auf ausreichende Lebenshaltung, auf Sicherheit bei Arbeitslosigkeit, Krankheit, Invalidität, Verwitwung und Alter, Schutz für Mütter und Kinder

EINLEITUNG

Bewegen sich Menschen mit offenen Augen und Ohren durch das Ruhrgebiet, begegnen sie früher oder später dem Namen „Fritz“ [1] Husemann. Neben dem Husemannplatz mitsamt dem daran anschließenden Husemann Karee in der Bochumer Innenstadt trägt ein Bürohaus in Bochum Ehrenfeld seinen Namen. Es beheimatet heute, neben der SPD-Geschäftsstelle, sowohl die Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (IGBCE) als auch die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW).[2]

In Gelsenkirchen und anderen Städten des Ruhrgebiets sind verschiedene Straßen nach Fritz Husemann benannt, ebenso ein Kleingartenverein im Dortmunder Südwesten, der auf Vorschlag der Stadt seinen Namen erhielt.[3] Doch den wenigsten Menschen dürfte heute bewusst sein, dass sich hinter diesem Namen ein von den Nationalsozialisten ermordeter Widerstandskämpfer, Bergarbeiterführer und Gewerkschaftler verbirgt. Bis zu seinem Tod im KZ Esterwegen war Husemann Mitglied der sozialdemokratischen Partei (SPD) und erklärter Gegner des nationalsozialistischen Regimes.

 

Straßenschilder mit Husemanns Namen in der Bochumer Innenstadt. ©Tim Truschel

DIE GESCHICHTE

Friedrich Ernst Husemann, genannt Fritz Husemann, wurde am 19. September 1873 in Leopoldstal (Lippe) als unehelicher Sohn des Steinmetzmeisters Henrik Becker und Marie Wilh. Henriette, verwitwete Husemann, geboren.[4] Er wuchs in ärmlichen Verhältnissen bei seiner Mutter auf und begann mit 14 eine Lehre als Steinmetz, wechselte jedoch wenig später in eine Maurerlehre.[5]

Nach Ablegung seiner Gesellenprüfung zog Husemann nach Bielefeld und wurde am 01. Mai 1891, dem „Kampftag der Arbeiterbewegung“[6], Mitglied der SPD. Bereits im Vorfeld hatte er sich der Maurergewerkschaft angeschlossen.[7] Husemann lebte zwar nur zwei Jahre in Bielefeld, doch prägte ihn diese Zeit politisch nachhaltig.

Im Herbst des Jahres 1892 zog er ins Ruhrgebiet und verdingte sich zunächst als Zechenmaurer, dann als Bergmann auf der Zeche Borussia in Dortmund Oespel.[8] Husemann wurde Mitglied des Alten Bergarbeiterverbandes (Verband der Bergbauindustriearbeiter Deutschlands) und engagierte sich zunehmend in Partei und Gewerkschaft. Der gescheiterte Bergarbeiterstreik von 1893, der einen großen Rückschlag für die Arbeiterbewegung im Ruhrgebiet bedeutete, intensivierte Husemanns Bemühungen nur noch mehr. „Damit begann die stetige Funktionärslaufbahn des besonnenen und volkstümlichen Mannes, dessen Sorge sehr konkret den täglichen Lebensbedürfnissen seiner Kollegen galt, der für sie ein Mehr an sozialer Gerechtigkeit erkämpfen wollte, aber stets ein Gegner jeder Form von Radikalität blieb“.[9] Ein weiteres wichtiges Anliegen war ihm die Verbesserung der Arbeitssicherheit der Bergleute, da es innerhalb des Deutschen Reichs immer wieder zu Grubenunglücken mit zahlreichen Todesopfern kam.[10]

Innerhalb der Gewerkschaft gehörte Husemann zur Gruppe rund um Heinrich Hansmann, die als „die Hansmänner“ bekannt und besonders engagiert waren.[11] 1900 wurde ihm das Amt des hauptamtlichen Kreisvertrauensmannes des Bergarbeiterverbandes übertragen. Zudem schrieb er als Korrespondent für die Dortmunder Arbeiterzeitung. Zwei Jahre später erhielt er eine Anstellung als Verbandsbeamter in der Bochumer Gewerkschaftszentrale. Wiederum ein Jahr später (1903) wählte man ihn auf der Generalversammlung in Zwickau in den Vorstand des Bergarbeiterverbandes.[12] Die Wahl zum stellvertretenden Vorsitzenden im Jahr 1911 markierte einen weiteren Schritt in seiner gewerkschaftlichen Laufbahn, die Anfang 1920 mit seiner Wahl zum ersten Vorsitzenden des Bergarbeiterverbandes ihren nächsten Höhepunkt erreichte. Während der Novemberrevolution, im Zuge der Endphase des Ersten Weltkriegs, bekleidete Fritz Husemann den Vorsitz des Bochumer Arbeiter- und Soldatenrats.[13]

Husemann selbst war während des Ersten Weltkriegs nur kurzzeitig Soldat an der Ostfront. Nach seiner Einberufung 1915 wurde er bereits 1916 vom Kriegsdienst freigestellt. Grund dafür waren Lohnkonflikte im Ruhrgebiet, zu deren Lösung er beitragen sollte.[14]

Dennoch wurde seine politische Haltung im Ersten Weltkrieg rückblickend kritisch beurteilt. Franz Osterroth, Jugendsekretär der Bergarbeitergewerkschaft, charakterisierte Husemann wie folgt: „Er war ein naiver Patriot, der in Augenblicken nationaler Ergriffenheit (…) bereit war, [selbst] über die Arbeiterbewegung und ihre Interessen hinwegzugehen“. [15]

Fritz Husemann (links) unterhält sich mit dem Regierungsrat Prof. Dr. Max Brahn (rechts). Foto: Stadt Bochum.

In der Weimarer Republik zog er in den Preußischen Landtag ein, dem er von 1919 bis 1924 angehörte.[16] Innerhalb der SPD zählte Husemann zum rechten Parteiflügel und trat auch öffentlich als dessen Repräsentant auf. So sprach er beispielsweise am 10. April 1910 in Kamen auf einer Wahlrechtsdemonstration gegen das Dreiklassenwahlrecht, zu der die SPD aufgerufen hatte, vor mehreren tausend Zuhörern über die Notwendigkeit einer Wahlrechtsreform. Auch Rosa Luxemburg, die den linken Flügel der Partei vertrat, hielt dort eine Rede.[17]

Ab 1924 war Husemann als Abgeordneter für den Wahlkreis Westfalen-Süd im Deutschen Reichstag vertreten.[18] Dieses Mandat übte er bis zur Machtergreifung der Nationalsozialisten und der Abschaffung des Parlamentarismus aus, in deren Zuge die SPD im Juli 1933 offiziell verboten wurde.[19]

 

Husemanns Kampf gegen den Nationalsozialismus

Schon vor Hitlers Machtergreifung hatte Husemann vor den Nationalsozialisten gewarnt und an die Unternehmer in Deutschland appelliert, diese nicht zu unterstützen.[20] Doch blieben seine Apelle weitestgehend ungehört. Führende Industrielle verschrieben sich der Agenda der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP), auch mit dem Versprechen verbunden, künftig keiner gewerkschaftlichen Einflussnahme mehr ausgesetzt zu sein.[21]

Die Gewerkschaften sahen sich zunehmend außerstande, der NSDAP etwas entgegenzusetzen, auch weil mehr und mehr Mitglieder aus ihnen austraten. Von einem Höchstwert von 8,5 Millionen kurz nach dem Krieg sanken die Mitgliederzahlen bis kurz vor der nationalsozialistischen Machtübernahme auf etwa 3,3 Millionen.[22] Die Ursachen des Rückgangs waren vielfältig. Unter anderem führten die Massenarbeitslosigkeit in der späten Weimarer Republik und die besonders unter jungen Menschen verbreitete Perspektivlosigkeit dazu, dass sich ein Teil von ihnen häufig radikalen Kräften wie der NSDAP zuwandte.[23]

Nachdem die Nationalsozialisten Anfang 1933 die Macht in Deutschland ergriffen hatten, wurden die Gewerkschaften zerschlagen und verboten. Zahlreiche Gewerkschaftler wurden verfolgt und inhaftiert. In Hitlers totalitärem Staat herrschte eine autoritär strukturierte Wirtschaftsordnung, in der Arbeitnehmer weder Mitbestimmungsrechte wahrnehmen noch durch Streiks Einfluss ausüben konnten.[24]

Am 11. März 1933 drangen bewaffnete SA-Männer gewaltsam in das Bochumer Verbandshaus ein. Circa 50 bis 60 führende Sozialdemokraten, darunter Fritz Husemann, wurden vorübergehend festgenommen.[25] Das Gewerkschaftshaus wurde von den Nationalsozialisten verwüstet und besetzt. Nachts brachten SA-Männer ein Schild mit der Aufschrift „Hermann-Göring-Haus“ am Gebäude an. Versuche seitens der Gewerkschaft, das Haus zurückzuerlangen, scheiterten.[26] Husemann selbst wurde fristlos aus seiner Gewerkschaft entlassen und in den folgenden Wochen mehrfach inhaftiert.[27]

Der amerikanische Bergarbeiterverband bot ihm, angesichts der zunehmenden politischen Verfolgung, Unterstützung bei einer Emigration an, doch Husemann lehnte dieses Angebot ab, da er „Deutscher sei und das Land zu sehr liebe, als dass er in der Fremde leben und die Kumpels allein lassen könne“.[28]

Stattdessen zeigte er sich weiterhin demonstrativ in den Straßen Bochums, um den ehemaligen Kollegen und Bergleuten gegenüber seine Solidarität und Entschlossenheit auszudrücken. In den folgenden Monaten wirkte Husemann aktiv in einem reichsweit strukturierten gewerkschaftlichen Netzwerk mit und beteiligte sich am Aufbau dieser Widerstandsorganisation.[29] Darüber hinaus setzte er sich für die Versorgungsansprüche ebenfalls entlassener Gewerkschaftsfunktionäre ein und vertrat sie gegenüber der NSDAP, blieb damit aber erfolglos.[30]

Am 18. März 1935 erhob Husemann Klage gegen die Deutsche Arbeitsfront (DAF), die als Einheitsorganisation der NSDAP die freien Gewerkschaften ersetzt hatte.[31] Noch am gleichen Tag wurde er in „Schutzhaft“ genommen und ins Bochumer Polizeigefängnis gebracht. Nach knapp vier Wochen in Gewahrsam deportierten die Nationalsozialisten Husemann am 12. April in das KZ Esterwegen, ein Konzentrationslager im Emsland. Einen Tag zuvor hatte Husemann seiner Frau aus der Haft einen Brief geschrieben, „mit dem gewohnten Gleichmut nach Esterwegen [zu] gehen“ [32] und sich „in die dort herrschende Ordnung einzufügen“[33]. In diesem letzten Brief hatte er die Hoffnung geäußert, „daß [sic!] man nichts Unmenschliches von mir verlangt und Rücksicht auf mein Alter nimmt“.[34]

Ermordung durch die Nationalsozialisten

Bereits einen Tag nach seiner Ankunft im Lager wurde Fritz Husemann ermordet – offiziell sei er „auf der Flucht erschossen“ worden, wie die NS-Behörden mitteilten. Die genauen Umstände seines Todes bleiben unklar. Laut Augenzeugenberichten wurde er niedergeschossen, während er Zwangsarbeit unter menschenunwürdigen Bedingungen verrichtete.[35] In der „Krankenbestandliste“ des Kreis-Krankenhauses zu Sögel wurde als Todeszeitpunkt „nachts 2 Uhr“ notiert. Zudem wurde die Angabe ergänzt, Husemann sei am 13. April 1935 mit einem „Bauchschuss“ aufgenommen worden.[36] Laut der Gedenkstätte Esterwegen wurden alle weiteren Unterlagen bezüglich seines Todes, bis auf den genannten Krankenhausbericht, durch die Nationalsozialisten nach Auflösung des Lagers vernichtet.[37]

Erst in den Jahren 1964 und 1965 wurde ein Ermittlungsverfahren gegen Unbekannt wegen der Ermordung des Schutzhäftlings Fritz Husemann im Lager Esterwegen eingeleitet.[38] Es konnte kein Schuldiger ermittelt werden. Kurt Bickelmann, Leiter der Geschäftsstelle Lingen der Industriegewerkschaft Bergbau, merkte in den 80er Jahren an, dass die bundesdeutsche Justiz sich „merkwürdig viel Zeit“[39] bei der Verfolgung nationalsozialistischer Straftäter lasse. Des Weiteren bemängelte er die geringen Strafen, mit denen NS-Verbrechen in der Bundesrepublik geahndet wurden.[40]

Fritz Husemanns Leichnam wurde am 20. April 1935 eingeäschert und einige Tage später auf dem Bochumer Hauptfriedhof beigesetzt. Rund 1000 Personen nahmen trotz eines entsprechenden Verbots der Gestapo an der Trauerfeier teil, die von dieser streng überwacht wurde.[41] Die schiere Menge an Menschen, die Husemann die letzte Ehre erweisen wollte, zeugt von seiner Popularität sowie einem großen Zusammenhalt innerhalb der Bergarbeiterschaft, die selbst das Risiko einer möglichen Verhaftung durch die Gestapo in Kauf nahm.[42]

Titelseite der dreisprachigen Flugschrift von Ebby Edwards mit dem Nachruf auf Fritz Husemann. Foto: Stadt Bochum.

Rezeption nach Husemanns Tod

Auch international gab es Reaktionen auf die Ermordung Husemanns. Ebby Edwards, Sekretär des Internationalen Bergarbeiterverbandes, veröffentlichte am 22. April 1935 einen dreisprachigen Nachruf, in dem es hieß: „Für diejenigen, die ihn kannten und die mit ihm gearbeitet hatten, war sein Leben ein Leben des Dienstes an der Sache der Arbeiter und des Sozialismus.“[43] Edwards schloss mit den Worten, Husemann habe „…den höchsten Preis gezahlt. Niemand kann mehr geben als sein Leben. Genosse Husemann, die Arbeiter grüßen deine tapfere Seele. Der Geist deiner Arbeit wird weiterleben“.[44]

Auch der ins Exil nach Prag geflohene Franz Osterroth schrieb kurz nach Husemanns Tod einen Nachruf. Laut ihm war Fritz Husemann der

„…deutsche Bergmann schlechthin, in dem sich das Volk unter Tage am sinnfälligsten verkörperte und in dem es sich wieder erkannte. Er war der deutsche Bergmann in Wesen und Charakter bis ins holzschnitthafte seiner Gestalt und seiner Züge hinein. Wenn der hohe wuchtige Westfale mit dem rauh-gutmütigen [sic!] Gesicht, aus dem helle Augen blitzten, in etwas gebückter Haltung daherschritt, dann spürte jeder: dieser starke Rücken, diese breiten Schultern haben Last getragen ihr Leben lang. […] Kein Meister der Rede, aber bei den ersten Worten der zugleich rauhen [sic!] wie hellen Stimme fühlte man die Wärme schlichter Ehrlichkeit, wie sie dem arbeitenden Volk zu eigen ist.“ [45]

 

Die Popularität Husemanns sollte sich auch nach dem Krieg fortsetzen. Anfang der siebziger Jahre wurden Plakate mit seinem Konterfrei im Zuge einer Kampagne gegen die rechtsextreme Nationaldemokratische Partei Deutschlands (NPD) aufgehängt.

Fritz Husemanns Konterfrei auf Plakaten als Teil einer Kampagne gegen die NPD, Bochumer Husemannplatz, 21.02.1970. Foto: Stadt Bochum.

Wie am Anfang des Beitrags bereits erwähnt, wurden in Hamm, Gelsenkirchen und anderen Städten im Ruhrgebiet Straßen nach Fritz Husemann benannt. In Bochum erinnern neben dem nach ihm benannten zentralen Platz in der Innenstadt, dem daran anschließenden Husemann Karree sowie dem Gewerkschafts- und SPD-Gebäude im Ehrenfeld, auch ein Stolperstein vor seinem ehemaligen Wohnhaus in der Brunsteinstraße 28 an ihn.

Der ehemalige Vorsitzende der SPD Bochum, Dr. Karsten Rudolph, erinnert in einem Online-Artikel vom 15. April 2020, dem 85. Jahrestag der Ermordung, mit folgenden Worten an Fritz Husemann: „Husemann ein ehrendes Andenken zu bewahren heißt für uns heute: Eintreten für soziale Gerechtigkeit und Solidarität, Stärkung der Demokratie sowie der Freiheitsrechte, die für alle Bürgerinnen und Bürgergleichermaßen [sic!] gelten müssen!“[46]

Auch zum 90. Todestag Husemanns im April 2025 veröffentlichte der SPD-Politiker Serdar Yüksel einen Nachruf auf der Internetplattform Facebook.[47] In diesem würdigte er Fritz Husemann als Widerstandskämpfer und appellierte zur Wachsamkeit gegenüber Rechtsextremismus und Faschismus. Außerdem erwähnte Yüksel, dass er und weitere SPD-Mitglieder die Gedenkstätte Esterwegen, den mutmaßlichen Todesort Husemanns, besucht hätten.

Die anhaltende Rezeption zeigt, dass Fritz Husemann auch heute noch eine bedeutende Persönlichkeit für Gewerkschaften und Sozialdemokraten darstellt, insbesondere im Hinblick auf das Engagement für Menschenrechte, Arbeiterrechte und die Wahrung demokratischer Werte.

Gedenktafel am Fritz-Husemann-Haus in Bochum. ©Tim Truschel

 

 

Autor: Tim Truschel

Kontakt: info@fritz-bauer-forum.de

Quellen:

  • Beier, Gerhard: Schulter an Schulter, Schritt für Schritt. Lebensläufe dt. Gewerkschafter; von August Bebel bis Theodor Thomas, Köln 1983, S. 85–91.
  • Faulenbach, Bernd: Geschichte der SPD. Von den Anfängen bis zur Gegenwart, 1. Aufl., München 2012.
  • Gartenverein Fritz Husemann e.V.: Chronik des Vereins, URL: https://www.gartenverein-fritz-husemann.de/chronik-des-vereins/, abgerufen am 21.02.2026.
  • Grebing, Helga: Husemann, Fritz, in: Neue Deutsche Biographie 10 (1974), URL: https://www.deutsche-biographie.de/sfz36110.html#ndbcontent, abgerufen am: 19.02.2026.
  • Hans-Böckler-Stiftung: Friedrich Ernst Husemann, 1873-1935, in: Geschichte der Gewerkschaften, URL: https://www.gewerkschaftsgeschichte.de/biografien-55540-friedrich-ernst-husemann-1873-1935.htm, abgerufen am: 21.02.2026.
  • Hensel, Horst: Rosa Luxemburgs Auftritte im Ruhrgebiet und ihre Teilnahme an der Wahlrechtsdemonstration der SPD vom 10. April 1910 in Kamen, in: Mitteilungsblatt des Instituts für soziale Bewegungen 29 (2003), S. 59–68.
  • Husemann, Fritz: Letzter Brief Fritz Husemanns vom 11. April 1935, in: Faulenbach, Bernd; Goch, Stefan; Högl, Günther; Rudolph, Karsten: Sozialdemokratie im Wandel. Der Bezirk Westliches Westfalen 1993–2001, Essen 2001, S. 155.
  • Jäger, Wolfgang: Fritz Husemann (1873-1935). Der Bergarbeiterführer, in: Faulenbach, Bernd; Högl, Günther; Rudolph, Karsten (Hrsg.): Vom Außenposten zur Hochburg der Sozialdemokratie. Der SPD-Bezirk Westliches Westfalen 1893-1993, Essen 1993, S. 144–146.
  • Kreis-Krankenhaus zu Sögel: Krankenbestandliste 1935, S. 125, Nr. 188, Kopie zur Verfügung gestellt durch die Gedenkstätte Esterwegen.
  • Lorenz, Robert: Gewerkschaftsdämmerung. Geschichte und Perspektive deutscher Gewerkschaften, 1. Aufl., Bielefeld 2013.
  • Niedersächsisches Landesarchiv – Abteilung Oldenburg (NLA OL): Rep 945 Generalstaatsanwaltschaft, Best. 140-4, Nr. 496. Ermittlungsverfahren gegen Unbekannt wegen Ermordung des Schutzhäftlings Friedrich Husemann im Lager Esterwegen 1935. Laufzeit 1964–1965. Az. 1 AR 385/64-3. Alte Archivsignatur: Akz. 13/72 Nr. 48. URL: https://www.arcinsys.niedersachsen.de/arcinsys/detailAction.action?detailid=v677324&icomefrom=search, abgerufen am: 04.03.2026.
  • o. A: Bickelmann: Merkwürdig viel Zeit bei Verfolgung von NS-Straftätern, in: Meppener Tagespost/Emszeitung/Lingener Tagespost, 15.04.1985, Kopie zur Verfügung gestellt durch die Gedenkstätte Esterwegen.
  • Rudolph, Karsten: Auf der Flucht erschossen. Erinnerung an die Ermordung Fritz Husemanns vor 85 Jahren, in: SPD Bochum, 15.04.2020, URL: https://www.spd-bochum.de/2020/04/15/auf-der-flucht-erschossen-erinnerung-an-die-ermordung-fritz-husemanns-vor-85-jahren/, abgerufen am: 02.03.2026.
  • SPD: 15. April 1935. Die Nazis töten „den Bergmann schlechthin“, URL: https://www.spd.de/160-jahre/1935-fritz-husemann, abgerufen am: 21.02.2026.
  • Stich, Walter: „auf der Flucht erschossen“. Fritz Husemann – lippischer Wanderarbeiter und deutscher Bergarbeiterführer, in: Heimatland Lippe 2 (2012), S. 36–38.
  • Thamer, Hans-Ulrich: Die NSDAP. Von der Gründung bis zum Ende des Dritten Reiches, 1. Aufl., München 2020.
  • Yüksel, Serdar: Facebook-Beitrag vom 16. April 2025, in: Facebook, 16.04.2025, URL: https://www.facebook.com/Serdar.SPD/posts/90-todestag-von-fritz-husemann-gedenken-am-fritz-husemann-hausheute-haben-wir-am/1074586297816269/, abgerufen am: 02.03.2026.

 

Fußnoten:

[1] Bei dem Namen „Fritz“ handelt es sich um eine Kurzform des Namens Friedrich.

[2] Das Fritz-Husemann-Haus befindet sich an der Adresse: Alte Hattinger Str. 19, 44789 Bochum.

[3] Gartenverein Fritz Husemann e.V.: Chronik des Vereins, URL: https://www.gartenverein-fritz-husemann.de/chronik-des-vereins/, abgerufen am 21.02.2026.

[4] Grebing, Helga: Husemann, Fritz, in: Neue Deutsche Biographie 10 (1974), URL: https://www.deutsche-biographie.de/sfz36110.html#ndbcontent, abgerufen am: 19.02.2026.

[5] Jäger, Wolfgang: Fritz Husemann (1873-1935). Der Bergarbeiterführer, in: Faulenbach, Bernd; Högl, Günther; Rudolph, Karsten (Hrsg.): Vom Außenposten zur Hochburg der Sozialdemokratie. Der SPD-Bezirk Westliches Westfalen 1893-1993, Essen 1993, S. 144–146, S. 144.

[6] SPD: 15. April 1935. Die Nazis töten „den Bergmann schlechthin“, URL: https://www.spd.de/160-jahre/1935-fritz-husemann, abgerufen am: 21.02.2026.

[7] Grebing: Husemann, Fritz.

[8] Jäger: Fritz Husemann (1873-1935), S. 145.

[9] Grebing: Husemann, Fritz.

[10] o. A: Bickelmann: Merkwürdig viel Zeit bei Verfolgung von NS-Straftätern, in: Meppener Tagespost/Emszeitung/Lingener Tagespost, 15.04.1985, Kopie zur Verfügung gestellt durch die Gedenkstätte Esterwegen.

[11] Jäger: Fritz Husemann (1873-1935), S. 145.

[12] Hans-Böckler-Stiftung: Friedrich Ernst Husemann, 1873-1935, in: Geschichte der Gewerkschaften, URL: https://www.gewerkschaftsgeschichte.de/biografien-55540-friedrich-ernst-husemann-1873-1935.htm, abgerufen am: 21.02.2026.

[13] Hans-Böckler-Stiftung: Friedrich Ernst Husemann.

[14] ebd.

[15] Osterroth, Franz: Fritz Husemann ermordet, S. 110, zit. n. Hensel, Horst: Rosa Luxemburgs Auftritte im Ruhrgebiet und ihre Teilnahme an der Wahlrechtsdemonstration der SPD vom 10. April 1910 in Kamen, in: Mitteilungsblatt des Instituts für soziale Bewegungen 29 (2003), S. 59–68, S. 64–65.

[16] Beier, Gerhard: Schulter an Schulter, Schritt für Schritt. Lebensläufe dt. Gewerkschafter; von August Bebel bis Theodor Thomas, Köln 1983, S. 85–91, S. 88.

[17] Beier, Gerhard: Schulter an Schulter, Schritt für Schritt. Lebensläufe dt. Gewerkschafter; von August Bebel bis Theodor Thomas, Köln 1983, S. 85–91, S. 88.

[18] Beier: Schulter an Schulter, Schritt für Schritt, S. 88.

[19] Faulenbach, Bernd: Geschichte der SPD. Von den Anfängen bis zur Gegenwart, 1. Aufl., München 2012, S. 56.

[20] Beier: Schulter an Schulter, Schritt für Schritt, S. 88.

[21] Thamer, Hans-Ulrich: Die NSDAP. Von der Gründung bis zum Ende des Dritten Reiches, 1. Aufl., München 2020, S. 71.

[22] Lorenz, Robert: Gewerkschaftsdämmerung. Geschichte und Perspektive deutscher Gewerkschaften, 1. Aufl., Bielefeld 2013, S. 28–30.

[23] Lorenz: Gewerkschaftsdämmerung, S. 31.

[24] Thamer: Die NSDAP, S. 71

[25] Stich, Walter: „auf der Flucht erschossen“. Fritz Husemann – lippischer Wanderarbeiter und deutscher Bergarbeiterführer, in: Heimatland Lippe 2 (2012), S. 36–38, S. 37.

[26] Stich: „auf der Flucht erschossen“, S. 37–38.

[27] Ebd., S. 38.

[28] Ebd.; Hans-Böckler-Stiftung: Friedrich Ernst Husemann.

[29] Beier: Schulter an Schulter, Schritt für Schritt, S. 90.

[30] Hans-Böckler-Stiftung: Friedrich Ernst Husemann.

[31] Thamer: Die NSDAP, S. 90.

[32] Husemann, Fritz: Letzter Brief Fritz Husemanns vom 11. April 1935, in: Faulenbach, Bernd; Goch, Stefan; Högl, Günther; Rudolph, Karsten (Hrsg.): Sozialdemokratie im Wandel. Der Bezirk Westliches Westfalen 1993–2001, Essen 2001, S. 155.

[33] Husemann: Letzter Brief Fritz Husemanns vom 11. April 1935, S. 155.

[34] Ebd.

[35] Stich: „auf der Flucht erschossen“, S. 38.

[36] Kreis-Krankenhaus zu Sögel: Krankenbestandliste 1935, S. 125, Nr. 188, Kopie zur Verfügung gestellt durch die Gedenkstätte Esterwegen.

[37] Diese Informationen wurden während eines Telefonates mit der Gedenkstätte Esterwegen in Erfahrung gebracht.

[38] Niedersächsisches Landesarchiv – Abteilung Oldenburg (NLA OL): Rep 945 Generalstaatsanwaltschaft, Best. 140-4, Nr. 496. Ermittlungsverfahren gegen Unbekannt wegen Ermordung des Schutzhäftlings Friedrich Husemann im Lager Esterwegen 1935. Laufzeit 1964–1965. Az. 1 AR 385/64-3. Alte Archivsignatur: Akz. 13/72, Nr. 48. URL: https://www.arcinsys.niedersachsen.de/arcinsys/detailAction.action?detailid=v677324&icomefrom=search, abgerufen am: 04.03.2026.

[39] o. A: Bickelmann: Merkwürdig viel Zeit bei Verfolgung von NS-Straftätern.

[40] Ebd.

[41] Jäger: Fritz Husemann (1873-1935), S. 145.

[42] Ebd.

[43] Beier: Schulter an Schulter, Schritt für Schritt, S. 86.

[44] Jäger: Fritz Husemann (1873-1935), S. 145.

[45] Stich: „auf der Flucht erschossen“, S. 36.

[46] Rudolph, Karsten: Auf der Flucht erschossen. Erinnerung an die Ermordung Fritz Husemanns vor 85 Jahren, in: SPD Bochum, 15.04.2020, URL: https://www.spd-bochum.de/2020/04/15/auf-der-flucht-erschossen-erinnerung-an-die-ermordung-fritz-husemanns-vor-85-jahren/, abgerufen am: 02.03.2026.

[47] Yüksel, Serdar: Facebook-Beitrag vom 16. April 2025, in: Facebook, 16.04.2025, URL: https://www.facebook.com/Serdar.SPD/posts/90-todestag-von-fritz-husemann-gedenken-am-fritz-husemann-hausheute-haben-wir-am/1074586297816269/, abgerufen am: 02.03.2026.

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