Meine Geschichte […] ist die beste Waffe, die ich gegen den Terrorismus habe.
Nadia MuradWeiterlesen:
Staatsangehörigkeit bei Geburt: Irakisch
Basee
† 2003Shami
Abid Shamdeen
| Bereich | Art | Von | Bis | Ort |
|---|---|---|---|---|
| Weiterführende Schule | Nadia Murad war die erste in ihrer Familie, die in Shingal eine weiterführende Schule besuchte. Das ist von besonderer Bedeutung, da es im Irak keine Schulpflicht gibt und viele Kinder bereits nach der Grundschule oder nach der 6. Klasse nicht mehr zur Schule gehen) | Shingal | ||
| Universität | Bachelor of Arts in Soziologie | Mai 2024 | American University, Washington D.C. |
Nadia’s Initiative
Ort:Eintrittsgrund: Ziele: Wiederaufbau in Shingal, internationale Unterstützung von Überlebenden sexueller Gewalt, Stärkung der Rolle der Frau, nachhaltige Entwicklung in Bereichen der Gesundheitsfürsorge, Bildung und Infrastruktur (Wasser, Sanitär, Hygiene), Gerechtigkeit und Rechenschaft, langfristige Sicherheit.
Funktion / Tätigkeit: Gründerin
Yazda, internationale gemeinnützige Organisation
Ort:Eintrittsgrund: Ziele: Überlebende des Genozids zu unterstützen, Gerechtigkeit zu fördern und den Wiederaufbau der jesidischen Gemeinschaft im Irak und in Syrien zu ermöglichen.
Funktion / Tätigkeit:
Nadia Murad wird in ihrem Kampf für die Anerkennung des Völkermordes an den Jesiden, sowie für die Befreiung weiterer Frauen und Mädchen aus der IS-Gefangenschaft von der Juristin Amal Clooney unterstützt. In Deutschland lernte Murad weitere Überlebende des Genozids sowie in Deutschland lebende Jesiden kennen, die ihr Engagement unterstützen.
Recht auf Leben, Freiheit und Sicherheit
Religionsfreiheit
Religionsfreiheit
EINLEITUNG
Nadia Murad, geboren 1993 in Kocho, Irak, ist eine jesidische Menschenrechtsaktivistin und Nobelpreisträgerin des Jahres 2018. Sie wurde im August 2014 vom Islamischen Staat (IS) entführt und versklavt.[1] Bereits drei Monate nach ihrer Flucht aus der IS-Gefangenschaft begann sie, von ihrer Geschichte zu erzählen und machte somit auf Themen wie Menschenhandel und sexuellen Missbrauch aufmerksam.[2] Auf diese Weise wurde sie eine Stimme für zahlreiche Jesiden, vor allem für Frauen, die das Gleiche durchmachen mussten. Ihre Autobiografie Ich bin eure Stimme. Das Mädchen, das dem Islamischen Staat entkam und gegen Gewalt und Versklavung kämpft, wurde zu einem New York Times-Bestseller und ist ein Bericht über dem Völkermord an der ethnisch-religiösen Minderheit der Jesiden im Irak und Nadias Gefangenschaft.
DIE GESCHICHTE
Am 03. August 2014 überfiel der IS die nordirakische Stadt Shingal (deutsch: Sindschar) und tötete, entführte und versklavte mehrere tausende jesidische Angehörige.[3] Wie viele Minderheiten ist das jesidische Volk seit Jahrzehnten von Verfolgung und Diskriminierung betroffen. Besonders Frauen litten und leiden bis heute unter sexualisierter Gewalt.
Den jesidischen Männern wurde aufgezwungen, zum Islam zu konvertieren, jedoch lehnten dies fast alle ab, was dazu führte, dass die Terroristen sie auf der Stelle erschossen und/oder enthaupteten. [4] Frauen und junge Mädchen wurden entführt und hauptsächlich in Regionen wie Mosul und Syrien als Sexsklavinnen genutzt und oft an andere Männer weiterverkauft.[5] Man rechnet mit über 5.200 jesidischen Frauen, die entführt und versklavt wurden und 5.000 Männern, die getötet worden sind.[6] Jungen im Alter von 5 bis 15 Jahren wurden ebenfalls entführt und zu IS-Soldaten ausgebildet.[7] Zahlreiche Jesiden sind während des Überfalls ins Sindschar-Gebirge geflohen. Durch die extreme Hitze und Mangel an Versorgung der Grundbedürfnisse wie Wasser, Nahrung, Schlaf und eine Unterkunft sind viele von ihnen, vor allem Kinder und ältere Menschen, ums Leben gekommen.[8]
Am 15. August 2014 marschierten die IS-Terroristen in das nahegelegene Dorf Kocho (deutsch:Kodscho) ein und taten den Jesiden dort dasselbe an. [9] Unter ihnen befand sich auch Nadia Murad.
Als der IS ihre Heimat angriff, mit dem Ziel, den Irak ethnisch von den Jesiden zu säubern, endete das bis dahin friedliche Leben der damals 21-jährigen. Durch den Genozid 2014 erlebte Nadias Familie schwere Schicksalsschläge. Nadia musste mit ansehen, wie ihre Mutter und all ihre Brüder weggebracht wurden, nur, um später getötet zu werden.[10]
Eine ihrer Nichten, namens Katherine, wurde in der irakischen Großstadt Mosul von ihr getrennt und mehrmals von IS-Terroristen entführt. 2016 wurde sie zusammen mit zwei weiteren jesidischen Mädchen auf der Flucht ermordet.[11]
Während ihrer Gefangenschaft ist Nadia Murad Unmenschliches widerfahren. Sie wurde vor allem als Sexslavin gehalten und auf Märkten und auf Facebook verkauft, oft für nicht mehr als 20 US-Dollar. Zudem zwang man sie zu beten, sich vor Vergewaltigungen schön anzuziehen und zu schminken. Eines Nachts wurde sie von einer Gruppe von Männern brutal missbraucht, bis sie das Bewusstsein verlor. Die Terroristen beschimpften sie während ihrer Gefangenschaft immer wieder als „dreckige Ungläubige“(ihrer Ansicht nach sind Jesiden „Teufelsanbeter“) und prahlten, dass die jesidischen Frauen sich ihnen unterworfen hätten und sie das Jesidentum vollständig auslöschen würden.[12]
Nadia Murad berichtet in ihrem Buch von den Vergewaltigungen und ihren Auswirkungen auf ihr mentales Wohlbefinden und dem Gefühl der Hoffnungslosigkeit für ihr weiteres Leben: „Die Vergewaltigungen waren das Schlimmste. Sie beraubten uns aller Menschlichkeit und machten jede Hoffnung auf die Zukunft – auf eine Rückkehr in die jesidische Gesellschaft, auf Heirat, Kinder, ein glückliches Leben – zunichte. Viel lieber wäre es uns gewesen, sie hätten uns einfach getötet.“ [13]
Durch die Hilfe einer muslimischen Familie gelingt Nadia Murad die Flucht, zunächst in ein Lager für Geflüchtete. Durch ein Hilfsangebot der Landesregierung Baden-Württemberg für jesidische Frauen kam sie 2015 nach Deutschland. Sie lebte nun geschützt in der Nähe von Stuttgart und ist durch ihre Arbeit viel auf Reisen, auch international, wie z.B. in die USA. [14] Sie wollte sich aktiv für die Jesiden einsetzen, jedoch war ihr unklar, wie sie das tun sollte. In Deutschland lernte sie unter anderem durch Therapiesitzungen weitere Überlebende des Genozids und generell Jesiden aus Deutschland kennen. Einer von ihnen war Murad Ismael, der gemeinsam mit anderen Jesiden die Organisation Yazda ins Leben gerufen hat. Durch Yazda hatte Nadia Murad die Chance, sich ebenfalls politisch und gesellschaftlich zu engagieren. Murad Ismael erzählte ihr davon, dass die Organisation unter anderem versuche, besonders Frauen und Mädchen, die vom IS verschleppt wurden, zu helfen. [15] Yazda war somit der Anfang von Nadias Einsatz und der Arbeit, die sie bis heute leistet.
Im November 2015, ein Jahr und drei Monate nachdem der IS nach Kocho gekommen war, reiste Nadia Murad in die Schweiz, um dort vor dem Forum für Minderheiten der Vereinten Nationen zu sprechen. Es war das erste Mal, dass sie vor einem so großen Publikum ihre Geschichte erzählen sollte. Nadia wollte von allem möglichen erzählen, jedoch standen ihr nur drei Minuten Redezeit zur Verfügung. Schließlich gab man ihr den Rat, einfach von ihrer eigenen Geschichte zu erzählen und dies nahm sie sich zu Herzen. Ihr war klar, dass wenn sie offen und ehrlich von ihrer Geschichte erzählte, dies auch einen Eindruck hinterlassen würde. Somit erzählte sie dem Publikum von dem Mann, der sie am längsten gefangen hielt: Hadschi Salman. Sie berichtete, wie oft er sie vergewaltigte, von den schrecklichen Nächten, die sie durchmachen musste und den furchtbaren Dingen, deren Zeugin sie wurde.[16]
Am 10. Dezember 2018 erhielt Nadia Murad den Friedensnobelpreis. In ihrer Rede berichtete sie von ihrem Leben im Irak, ihren Zielen und von ihrem damaligen Traum, nach dem Schulabschluss einen Schönheitssalon zu führen. Sie erzählte vom schnellen Einmarsch des IS in Shingal und den Gräueltaten, die ihr und Tausend weiteren Jesiden widerfahren sind. Sie betonte auch ihre Dankbarkeit für all die Chancen und Möglichkeiten, die sie bekommen hatte und erwähnte, wie wichtig es sei Minderheiten aller Art auf der gesamten Welt zu schützen und die Täter zur Rechenschaft zu ziehen.[17]
Nadias Rede ist sehr einfühlsam, wie im folgenden Ausschnitt deutlich wird: „Ich bin stolz auf die Jesiden, stolz auf ihre Kraft und Geduld. Unsere Gemeinschaft wurde viele Male ins Visier genommen und in ihrem Fortbestand bedroht, aber wir kämpfen weiterhin für unser Existenzrecht. Die Gemeinschaft der Jesiden verkörpert Frieden und Toleranz und sollte damit als beispielhaft für die Welt angesehen werden.“ [18]
Des Weiteren hat Nadia Murad die gemeinnützige Organisation Nadia’s Initiative gegründet. Der Fokus liegt vor allem auf Frauen, die Initiative setzt sich für eine Welt ein, in der jede Frau und jedes Mädchen das Recht dazu hat, friedlich zu leben. Besonders diejenigen, die von vergangenen Ereignissen traumatisiert sind, sollen durch Nadia’s Initiative unterstützt werden. Durch nationale und internationale Hilfe sowie Gesetzesänderungen und neue politische Richtlinien sollen Frauen und Überlebende sexueller Gewalt weltweit geschützt und unterstützt werden. Nadia’s Initiative arbeitet weltweit mit Regierungen und internationalen Organisationen zusammen, um auf diese Probleme aufmerksam zu machen und um positive und bedeutungsvolle Veränderungen zu bewirken. Die Initiative verfolgt viele humane Interessen, unter anderem den Missbrauch von Frauen und Mädchen als Kriegswaffen zu stoppen. Zudem möchten sie denjenigen eine Stimme geben, deren Namen und Geschichten bislang unerwähnt blieben. Täter sollen zur Rechenschaft gezogen werden und den Überlebenden soll es ermöglicht werden, von ihren Traumata zu heilen und ein neues Leben aufzubauen. Zudem legt die Initiative Wert auf den Einsatz in Krisenregionen, sie helfen beim Aufbau grundlegender Ressourcen und Sicherheit.[19]
Nadia Murad setzt sich als UN-Sonderbotschafterin und durch ihre Organisation weltweit für die Rechte von Opfern sexualisierter Gewalt und den Wiederaufbau der Shingal-Region im Irak ein. Sie lebt in den USA und kämpft international (vor allem gemeinsam mit der Anwältin Amal Clooney) für die juristische Verfolgung von Verbrechen des IS und gegen den Einsatz sexueller Gewalt als Kriegswaffe. In ihrer Autobiografie schreibt sie, dass sie mittlerweile keinerlei Hemmungen mehr hat, vor einem großen Publikum zu stehen und Reden zu halten. Sie engagiert sich mit viel Elan und Stolz und ist davon überzeugt, dass das Erzählen ihrer Geschichte die beste Waffe sei, um den Terrorismus zu besiegen.[20]
Ihr Buch endet mit dem Satz: „Und mehr als alles sonst, sage ich, wünsche ich mir, das letzte Mädchen zu sein, das eine Geschichte wie meine zu erzählen hat.“ [21]
Autorin: Zeri Al Hamo
Kontakt: info@fritz-bauer-forum.de
Quellen:
- Murad, Nadia: Ich bin eure Stimme. Das Mädchen, das dem Islamischen Staat entkam und gegen Gewalt und Versklavung kämpfte, 2019.
- Nadia Murad –Nadia’s Initiative, URL: https://www.nadiasinitiative.de, abgerufen am 24.02.2026.
- Press Graduation of Nobel Peace Laureate Nadia Murad, Nadia’s Initiative, URL: https://www.nadiasinitiative.org/news/graduation-of-nadia-murad, abgerufen am 03.03.2026.
- Yazda, URL: https://www.yazda.org/yazda, abgerufen am 03.03.2026.
- Zeidan, Adam: Nadia Murad. Iraqi Humans Rights Activist, 1. Januar 2026, URL: https://www.britannica.com/biography/Nadia-Murad, abgerufen am 24.02.2026.
Header-Bild: Die irakischen jesidischen Aktivistinnen Nadia Murad und Lamiya Aji Bashar erhalten den Sacharow-Preis 2016. © European Union 2016 – European Parliament, CC BY-NC-ND 2.0, https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/4.0/
Fußnoten:

