„Menschen wie ich haben zwei Geburten. Die zweite kommt, wenn man die „Farbgrenze“ überwindet. Es ist eine Wiedergeburt, wenn du aus deinem Milieu ausbrichst, wenn du die Tabus deines Milieus hinter dir lässt.“
Nadine GordimerWeiterlesen:
† 13. Juli 2014 in Johannesburg, Südafrika
Staatsangehörigkeit bei Geburt: Südafrikanisch
Staatsangehörigkeit bei Tod: Südafrikanisch
Isidore Gordimer
* 1887 (Žagarė, Litauen)† 1962
Hannah Myers
* 1897 (London, England)† 1973
Betty Gordimer
* 1920 (Johannesburg, Südafrika)Gerald Gavronsky (verh. 1949-1953)
* 1924† 2008
Oriane Gordimer
* 1950
2. Ehemann
Reinhold Cassirer (verh. 1954-2001)
* 1908† 2001
Hugo Cassirer
* 1955Ort des Kampfes für Menschenrechte: Johannesburg, Südafrika
| Bereich | Art | Von | Bis | Ort |
|---|---|---|---|---|
| Schule | Katholische Klosterschule (ohne Abschluss) | Johannesburg | ||
| Universität | Witwatersrand Universität (ohne Abschluss) | |||
| Schriftstellerin/Autorin |
Afrikanischer Nationalkongress
Ort:Eintrittsgrund: Kampf gegen die Apartheid, 1990
Funktion / Tätigkeit: Parteimitglied
Leitmotiv
Das Leben und das literarische Werk Nadine Gordimers waren geprägt vom Widerstand gegen die anhaltende Ungerechtigkeit in Südafrika. Dabei verarbeitete sie in ihren Romanen und Geschichten eigene Erfahrungen und Erlebnisse. Ihr Leitmotiv und Ziel waren eine südafrikanische Bevölkerung und Gesellschaft ohne Apartheid zu erreichen.
Wie wurde die Geschichte bekannt?
Nadine Gordimer begann bereits im Kindesalter mit dem Schreiben ihrer eigenen Geschichten. Vorerst Kurzgeschichten für Kinder, später Geschichten für Erwachsene. In diesen verarbeitete sie Gedanken und Erinnerungen über die ihr bewussten Ungerechtigkeiten gegenüber der schwarzen Gemeinschaft ihres Dorfes und Landes.
Wann wurde die Geschichte bekannt?
Desto älter Gordimer wurde und desto mehr sie sich mit politisch gleichgesinnten Personen austauschte, umso mehr begriff sie die andauernde Ungerechtigkeit in ihrem Land. Als Folge ging sie in ihren Essays und später in ihrem Romanen kritisch mit der politischen Situation in Südafrika um und verarbeitete eigene Erlebnisse und Überzeugungen in ihren Geschichten.
Wo wurde die Geschichte bekannt?
Zu Beginn in Johannesburg in Südafrika, dann später in der gesamten Welt als sie mit ihren Romanen einen gewissen Bekanntheitsgrad erreichte.
Durch wen wurde die Geschichte bekannt?
Durch Nadine Gordimer selbst, indem sie Romane, Essays und Kurzgeschichtensammlungen weltweit veröffentlichte.
Preise, Auszeichnungen
- WH Smith Literary Award für die Kurzgeschichtensammlung Freitags Fußspur, 1961
- James Tait Black Memorial Prize für ihren Roman Ehrengast, 1971
- Booker Prize, britischer Literaturpreis für ihren Roman Der Besitzer, 1974
- Preis des Internationalen Buchfestivals in Nizza „Grand Aigle d’Or“, 1975
- CNA Prize, wichtiger Literaturpreis in Südafrika, für ihren Roman Der Besitzer, 1975
- Italienischer Malaparte Preis, 1985
- West-Deutscher Nelly Sachs Preis, 1985
- Ehrendoktorwürde vom New Yorker City College für „offenes Eintreten gegen Unterdrückung“, 1985
- CNA Prize für ihren Roman Die Geschichte meines Sohnes, 1991
- Nobelpreis für Literatur, 1991
Literatur (Literatur, Filme, Webseiten etc.)
- Head, Dominic: Nadine Gordimer, Cambridge 1994.
- Petzold, Jochen: Nadine Gordimer. Eine starke Stimme gegen die Apartheid, Darmstadt 2023.
- Stanford, Simon: Nadine Gordimer. Interview, in: Nobel Prize in Literature, Nobel Prize Interview, April 2005.
Verfilmungen
- 1962: Dilemma: Regie: Henning Carlsen, nach dem Roman Fremdling unter Fremden
- 1981: Sechs Fuß Erde (Six Feet of the Country): Fernsehserie, Südafrika/Schweiz/Bundesrepublik Deutschland/Niederlande, sieben Episoden
Eigene Werke
Romane
- 1953: The Lying Days. Deutsch als: Entzauberung. S. Fischer, Frankfurt am Main 1956.
- 1958: A World of Strangers. Deutsch als: Fremdling unter Fremden. S. Fischer, Frankfurt am Main 1962.
- 1963: Occasion for Loving. Deutsch als: Anlass zu lieben. S. Fischer/Goverts, Frankfurt am Main 1983.
- 1966: The Late Bourgeois World. Deutsch als: Die spätbürgerliche Welt. S. Fischer, Frankfurt am Main 1994.
- 1970: A Guest of Honour. Deutsch als: Der Ehrengast. S. Fischer/Goverts, Frankfurt am Main 1986.
- 1974: The Conservationist. Deutsch als: Der Besitzer. Claassen, Düsseldorf 1977.
- 1979: Burger’s Daughter. Deutsch als: Burgers Tochter. Goverts, Frankfurt am Main 1981.
- 1981: July’s People. Deutsch als: July’s Leute. S. Fischer, Frankfurt am Main 1982.
- 1987: Sport of Nature. Deutsch als: Ein Spiel der Natur. S. Fischer/Goverts, Frankfurt am Main 1987.
- 1990: My Son’s Story. Deutsch als: Die Geschichte meines Sohnes. S. Fischer, Frankfurt am Main 1991.
- 1994: None to Accompany Me. Deutsch als: Niemand, der mit mir geht. Berlin-Verlag, Berlin 1995.
- 1998: The House Gun. Deutsch als: Die Hauswaffe. Berlin-Verlag, Berlin 1998.
- 2001: The Pickup. Deutsch als: Ein Mann von der Straße. Berlin-Verlag, Berlin 2001.
- 2005: Get a Life. Deutsch als: Fang an zu leben. Berlin-Verlag, Berlin 2005.
- 2012: No Time Like the Present. Deutsch als: Keine Zeit wie diese. Berlin, Berlin 2012.
Kurzgeschichtensammlungen
- 1952: The Soft Voice of the Serpent. Deutsch als: Die sanfte Stimme der Schlange. S. Fischer, Frankfurt am Main 1995.
- 1956: Six Feet of the Country. Deutsch als: Sechs Fuß Erde. S. Fischer, Frankfurt am Main 1956; 1982 ohne die Titelgeschichte als Clowns im Glück. Fischer, Frankfurt am Main.
- 1965: Not for Publication. Deutsch als: Nicht zur Veröffentlichung. S. Fischer, Frankfurt am Main 1997.
- 1965: Good Climate, Friendly Inhabitants. Deutsch als: Gutes Klima, nette Nachbarn. (Sieben Erzählungen) S. Fischer, Frankfurt am Main 1982.
- 1960: Fryday’s Footprint. Deutsch als: Freitags Fußspur. S. Fischer, Frankfurt am Main 1996.
- 1971: Livingstone’s Companions. Deutsch als: Livingstones Gefährten. S. Fischer, Frankfurt am Main 1998.
- 1980: A Soldier’s Embrace. Deutsch als: Die Umarmung eines Soldaten. S. Fischer, Frankfurt am Main 1999.
- 1984: Something Out There. Deutsch als: Eine Stadt der Toten, eine Stadt der Lebenden.(Eine Novelle und zehn Erzählungen) S. Fischer/Goverts, Frankfurt am Main 1985; 1989 als Etwas da draußen. S. Fischer, Frankfurt am Main.
- 1991: Jump. Deutsch als: Die endgültige Safari. S. Fischer, Frankfurt am Main 1992.
- 2003: Loot. Deutsch als: Beute und andere Erzählungen. Berlin-Verlag, Berlin 2003.
- 2007: Beethoven Was One-Sixteenth Black. Deutsch als: Beethoven war ein sechzehntel schwarz. Berlin-Verlag, Berlin 2008.
- 2013: Erlebte Zeiten, Erzählungen 1952–2007. Berlin Verlag, Berlin 2013.
- 2013: Bewegte Zeiten, Leben und Schreiben 1954–2008, Berlin Verlag, Berlin 2013.
In ihrer Jugend entwickelte Nadine Gordimer ein Bewusstsein für die Ungerechtigkeiten in ihrer unmittelbaren Umgebung und hinterfragte die Überzeugungen ihrer weißen Familie. Bestärkt wurde sie dann durch den Austausch mit Gleichgesinnten während ihrer Studienzeit. Später knüpfte sie Kontakte zu politischen Aktivist:innen gegen die Apartheid und konnte durch ihre zunehmende internationale Bekanntheit auf die politische Situation in Südafrika aufmerksam machen.
Recht auf Leben, Freiheit und Sicherheit
Anspruch auf Anerkennung als Rechtsperson
Gleichheit vor dem Gesetz
Schutz der Privatsphäre
Recht auf Freizügigkeit (national und übernational)
Recht auf freie Meinungsäußerung
Versammlungs- und Vereinigungsfreiheit
Recht auf soziale Sicherheit
Recht auf Teilhabe am kulturellen Leben, Freiheit von Wissenschaft und Bildung
EINLEITUNG
In dem kleinen Dorf Springs in der Nähe von Johannesburg in Südafrika beginnt die Geschichte einer der bemerkenswertesten Schriftstellerinnen der südafrikanischen Geschichte während der Apartheid. Nadine Gordimer wurde 1923 geboren und veröffentlichte in ihrem Leben 15 Romane sowie über 200 Essays und Kurzgeschichten, in denen sie fast immer eigene Überzeugungen, Erfahrungen und Erlebnisse verarbeitet hat.[1] Während sie selbst sich nie als eine Widerstandskämpferin sah, engagierte sie sich doch ihr Leben lang als weiße Frau aktiv für die Abschaffung der Apartheid in Südafrika. Neben vielen anderen Auszeichnungen wird sie 1991 für ihr literarisches Lebenswerk mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet.
DIE GESCHICHTE
Nadine Gordimer wuchs in dem kleinen Dorf Springs, einer Bergarbeitersiedlung bei Johannesburg auf.[2] Sie war Kind jüdischer Einwanderer, sagte später aber von sich, dass sie keine Religion habe.[3] Ihr Vater war als Jugendlicher aus Litauen nach Südafrika gekommen, ihre Mutter stammte aus Großbritannien.[4] Sie hatte als kleines Mädchen schon einen großen Mitteilungsbedarf und verschluckte dabei oft Wörter oder stolperte über ihre eigenen Worte, sodass man sie kaum verstehen konnte. Sie entwickelte eine Redeflussstörung mit einer Mischung aus Poltern und Stottern, die sie aber mit zunehmendem Alter überwand. Im Alter von 5 oder 6 Jahren wurde sie von ihren Eltern auf die Privatschule Dame School geschickt, einer einem Kindergarten oder Vorschule vergleichbaren Einrichtung in der Nähe ihres Elternhauses. Ihrer Mutter Hannah waren Bücher sehr wichtig und so wurde Gordimer schon im Kindesalter in der örtlichen Bibliothek angemeldet und sie wurde eine begeisterte Leserin. Die Familie Gordimer war zwar jüdisch, jedoch nicht streng religiös. Daher hatte sie keine Vorbehalte Nadine und ihre Schwester Betty auf eine katholische Klosterschule zu schicken, die von Dominikanerinnen geleitet wurde. Nadine war keine schlechte Schülerin, doch zeigte sie wenig Interesse am Unterricht, an dem sie des Öfteren nicht teilnahm und vertrieb sich die Zeit lieber in der Natur und im Umland ihres Dorfes.[5]
Im Dezember 1934 erlitt sie zwei Schwächeanfälle aufgrund einer Schilddrüsenüberfunktion, ihre Mutter führte das auf eine angebliche Herzschwäche zurück. Deshalb musste sie das von ihr sehr geliebte Tanzen aufgeben, durfte kaum das Haus verlassen und 9 Monate lang nicht zur Schule gehen, bis sie von einer pensionierten Lehrerin zuhause unterrichtet wurde. Durch ihre Erkrankung hatte sie kaum Kontakt zu Kindern in ihrem Alter und begleitete ihre Mutter zu Treffen mit deren Freundinnen, die aber selbstverständlich viel älter waren als sie. Gordimer sagte später, dass sie von einem extrovertierten zu einem introvertierten stillen Mädchen wurde und die einzige Kompensation für sie waren Bücher und exzessives Lesen.[6]
Literarische Anfänge
Durch ihre Liebe zum Lesen fand sie auch den Zugang zum Schreiben von Geschichten. Ihr Berufswunsch und ursprünglicher Traum, Tänzerin zu werden, wandelte sich zur Journalistin. Im Alter von 14 Jahren erschien 1937 Gordimers erste Kurzgeschichte auf der Kinderseite einer lokalen Zeitung, 1938 erschienen drei weitere ihrer Geschichten in derselben Zeitung. Dann im November 1939, kurz vor ihrem 16. Geburtstag, wurde ihre erste Kurzgeschichte Come again Tomorrow für Erwachsene veröffentlicht.[7]
Gordimer entwickelte zu dieser Zeit auch ihr Bewusstsein für das politische Geschehen in Südafrika. Die Treffen mit den Freundinnen ihrer Mutter trafen nicht mehr ihr Interesse, da hier häufig nur über aus ihrer Sicht banale Dinge gesprochen wurde. Die einzigen Anreize, die sie zu dieser Zeit finden konnte, entstanden beim Lesen von Büchern. Ihre Eltern trafen sich des Öfteren mit ihren Nachbarn zum Karten spielen. Diese Zeit vertrieb sich Gordimer in deren eigener Hausbibliothek. Hier entdeckte sie das Buch Der Dschungel von Upton Sinclair aus dem Jahr 1906. Das Buch behandelt die katastrophalen Arbeitsumstände gerade für die schwarzen Arbeiter in der US-amerikanischen Fleischindustrie. Gordimer zog Parallelen zur Situation der Bergarbeiter in den Kohleminen ihres Heimatortes. Sie realisierte, dass die Rollenverteilung von Schwarzen und Weißen nicht naturgegeben ist, sondern menschengemacht. Diese Erkenntnis sollte ausschlaggebend für ihre eigene spätere politische Entwicklung werden und die Kritik an dieser Rollenverteilung ihre Literatur und die Art ihres Schreibens maßgeblich beeinflussen.[8]
Bildung eines politischen Bewusstseins
Im Zweiten Weltkrieg, als viele Berufskrankenschwestern in den Militärdienst wechseln mussten, half Gordimer mit ihrer Mutter beim Roten Kreuz als Hilfskrankschwester mit. Während dieser Arbeit wurde ihr bewusst, dass
schwarze und weiße Menschen dieselbe Physiologie besitzen, was ihr bis zu diesem Zeitpunkt nicht bewusst war. Des Weiteren besuchte sie häufig den Buchladen The Vanguard, der sich politisch links positionierte. Dort traf sie auf Philip Stein, mit dem sie eine intensive, aber platonische Beziehung führte. Durch ihn lernte sie die Werke Rainer Maria Rilkes kennen, dessen Literatur sie in ihrem eigenen späteren Schreiben beeinflussen sollte.[9]
Nach einer mehrjährigen Pause erschienen 1943 zwei weitere Kurzgeschichten Gordimers. In den Jahren danach veröffentlichte sie drei bis vier Kurzgeschichten pro Jahr. In der Kurzgeschichte No Luck Tonight aus dem Jahr 1944 kritisierte sie das erste Mal öffentlich den Umgang der weißen mit der schwarzen Bevölkerung. Die Handlung deckt den Alltagsrassismus der weißen Bevölkerung auf und basiert auf einem wahren Erlebnis der jungen Gordimer als Kind. Nachts tauchten Polizisten im Hinterhof ihres Elternhauses auf, um nach illegal von ihren schwarzen Angestellten gebrautem Bier zu suchen, genau wie in der späteren Handlung von Gordimers Kurzgeschichte. Doch wie in der Geschichte unternahmen ihre Eltern und sie nichts, um ihre Angestellten zu schützen. Erfahrungen wie diese prägten Gordimers Schreiben ihr Leben lang.[10]
Nach fünf weiteren Veröffentlichungen von Kurzgeschichten in den Jahren 1943 und 1944 begann sie im Jahre 1945 ein Studium an der Witwatersrand Universität in Johannesburg. Da sie keinen Schulabschluss vorzeigen konnte, schrieb sie sich im Bereich der englischen Literatur ein, der auch ohne Abschluss besucht werden konnte. Die Zeit an der Universität half Gordimer dabei, die Texte anderer Autor:innen besser und dezidierter analysieren zu können und ihren eigenen Schreibstil kritischer zu betrachten. Auch aus persönlicher Hinsicht war die Zeit an der Universität für Gordimer eine Weiterentwicklung, denn sie lernte spannende andere Menschen
kennen, die ihr politisches Interesse teilten und die auch intellektuell fördernd auf sie wirkten. [11] Gordimer konnte zum ersten Mal in ihrem Leben auch Freundschaften mit Schwarzen schließen, die nicht Hausangestellte waren, sondern akademische Laufbahnen einschlugen. Zu dieser Zeit durfte auch die schwarze Bevölkerung je nach schulischer Qualifikation an Universitäten studieren. Doch war ihnen verboten, in den Studierendenwohnheimen zu wohnen und an Sport- oder Kulturveranstaltungen teilzunehmen. Schon vor der Zeit der Apartheid hatten die schwarzen Studierenden nicht dieselben Freiheiten wie ihre weißen Kommiliton:innen. Diese Einschränkungen verstärkten sich einige Jahre später zusehends mit der einsetzenden Apartheid.[12]
Eine der Grundlagen für die Apartheid-Politik waren die Parlamentswahlen von 1948, bei denen die Afrikaanse Nationale Partei dominierte und anschließend den Premierminister und gleichzeitig Vorsitzenden derselben Partei, Daniel François Malan, stellte. Die Partei vertrat die Überzeugung, dass es eine strikten Rassentrennung zwischen Schwarzen und Weißen geben müsse und verfolgte das Ziel, die schwarze Bevölkerung ökonomisch und sozial auszugrenzen und auszubeuten. In den kommenden Jahren sollte sich diese Politik immer mehr durchsetzen.[13] Die politischen Umstände und Themen wie (Alltags-)Rassismus, Ausgrenzung und die Beziehungen zwischen den Bevölkerungsgruppen in der südafrikanischen Gesellschaft prägten die Literatur Gordimers nachhaltig. Das Ausmaß dieser Politik wird in ihren Romanen und Kurzgeschichten besonders deutlich.
Zitat aus ihrer Rede Writing and Being, 1991: „I wrote as a child out of the joy of apprehending life through my senses – the look and scent and feel of things; and soon out of the emotions that puzzled me or raged within me and which took form, found some enlightenment, solace and delight, shaped in the written word.“ [14]
Schriftstellerische Karriere während der Apartheid
Das erste veröffentlichte Buch von Nadine Gordimer war eine Kurzgeschichtensammlung: Face to Face, das mit einem Umfang von sechzehn Kurzgeschichten 1949 erschien. Mit dem Schreiben ihres ersten Romans
Entzauberung begann sie im Jahr 1951 und veröffentlichte ihn letztendlich 1953 in den USA. Das Buch handelt von einer jungen Frau, die in einem kleinen Dorf bei Johannesburg geboren wird und in einer privilegierten Familie aufwächst. Im Laufe des Buches, das aus drei Teilen besteht, entwickelt die Figur ihr eigenes, vom Elternhaus losgelöstes, politisches Bewusstsein. Während des Studiums lernt sie schwarze Kommilitonen kennen und beginnt die sozialen und gesellschaftlichen Ungleichheiten des Apartheid-System zu hinterfragen und entfremdet sich immer weiter von ihren Wurzeln und der politischen Einstellung ihrer Familie. Gordimer beschreibt diesen ersten Roman als einzigen als autobiografisch, da er einige Parallelen zu ihrer eigenen Jugend aufzeigt, sich aber dennoch in Einzelheiten sehr unterscheidet. In einem Interview sagte sie, dass das erste Buch, das man als Autor:in schreibe, immer eine Art Rebellion gegen die eigene Herkunft sei.[15]
Ihr Roman Die spätbürgerliche Welt von 1966 nimmt auf rund 100 Seiten thematisch Bezug auf die Sabotagewelle durch junge weiße Afrikaner gegen das Apartheid-System in den Jahren 1963 und 1964, die durch Massenverhaftungen und verschärfte Gesetze zu unterbinden versucht wurde.[16] Die Protagonistin Elizabeth van de Sandt erfährt zu Beginn des Buches, dass ihr geschiedener Ehemann Max Selbstmord begangen hat. Dieser war festgenommen worden, weil er einen Bombenanschlag geplant hatte, jedoch vor der Durchführung aufgeflogen war. Elizabeth war selbst im Widerstand tätig, radikalisiert sich jedoch nicht wie ihr Mann Max. Sie
leidet unter dem Druck einer schwerwiegenden Entscheidung, ob sie einem befreundeten Aktivisten mit dem Geld ihrer Großmutter aus dem Land helfen soll, denn das könnte bedeuten, dass sie sich selbst in Gefahr bringt, wenn ihre Unterstützung ans Licht kommen sollte. Gordimer bezieht durch diese Thematik stärker politisch Stellung als in ihren bisherigen Romanen [17].
Anders als bei dem Roman Entzauberung, der noch unter der Überzeugung Gordimers stand, dass sich der politische Wandel im Land von selbst entwickeln würde, schrieb sie die Die spätbürgerliche Welt mit anderen Augen. Mit dem Massaker von Sharpeville im Jahr 1960, bei dem Schwarze gegen die Apartheid und das diskriminierende System zur Vergabe von Pässen demonstrierten. Bei dem Massaker wurden 249 Personen, darunter 29 Kinder, vom Kugelhagel der Polizei getroffen, 69 Menschen starben. Das Massaker veränderte Gordimers Attitüde gegenüber der Vorstellung von einem natürlichen Wandel der Politik.[18] Aufgrund der Darstellungen im Buch war der Roman in Südafrika zehn Jahre lang verboten.[19] Diese Art von Zensur fand auch bei anderen Büchern Gordimers statt.
1974 veröffentlichte Gordimer einen ihrer bekanntesten Romane: Der Besitzer. Darin geht es um den reichen weißen Geschäftsmann Mehring, der eine Farm besitzt, die ihm steuerliche Vorteile bringt. Am Anfang des Buches wird die Leiche eines jungen schwarzen Mannes auf seinem Grundstück gefunden und obwohl diese vergraben wird und die Polizei sich nicht weiter um den Fall kümmert, denkt Mehring immer wieder über ihn nach. Die Leiche wird in Interpretationen des Buches als ein Symbol dafür gedeutet, dass die schwarze Bevölkerung sich ihr eigenes Land zurückholen wird [20]. In diesem Roman hat sich Gordimers Schreibstil wesentlich verändert. Sie schreibt komplexer, sodass man nicht immer direkt versteht, wer im Buch gerade spricht. Beschreibungen und Darstellungen sind Gordimer in diesem Roman wichtiger als die eigentliche Handlung, denn diese spielt sich meist nur in Mehrings Gedanken ab. Mit diesem Roman war Gordimer auf der internationalen Bühne angekommen und erhielt 1974 den britischen Booker Prize.
Ein paar Jahre später verfasste Gordimer zwei weitere Romane, mit denen sie breite Anerkennung in der Literaturwelt fand. Mit Burgers Tochter, der 1979 erschien, schrieb sie einen äußerst politischen Roman, der stark an einer realen Person orientiert war. Die Figur des Vaters, Lionel Burger, orientierte sich stark an Bram Fischer, einem namenhaften Anti-Apartheid-Aktivisten. Die Protagonistin ist Rosa, die Tochter von Lionel Burger und das Buch beschreibt ihr Leben und wie es durch die politische Aktivität ihres Vaters beeinflusst wird. Rosa Burger versucht zeitweise der politischen Haltung ihres Vaters zu entkommen, doch merkt sie schnell, dass auch sie als weiße Afrikanerin eine Verantwortung gegenüber der Apartheid hat und sie sich ihren Auswirkungen stellen muss. Das Buch wurde zeitweise zensiert, bis sich mehrere internationale Autor:innen zusammenschlossen und durch Ausübung von Druck auf die Zensurbehörde das Verbot wieder aufgehoben wurde.[21]
Der Roman Julys People, erschienen 1981, behandelt hingegen weniger politische, denn mehr gesellschaftliche Kritik am Apartheid-System. Die Handlung spielt in einer undatierten Zukunft, in der das Apartheid-System durch eine brutale Revolution durch die schwarze Bevölkerung abgeschafft wurde. Ein Bürgerkrieg bricht aus und eine weiße Familie, Bam und Maureen Smales und ihre drei Kinder, fliehen mit ihrem Hausangestellten July in dessen Heimatdorf weit entfernt von ihrem Zuhause. Im Laufe des Buches kommt es vermehrt zu einer Machtumkehr zwischen dem Verhältnis von July zu seinen „Herren“. Sie sind von ihm abhängig und auch Bam und Maureen selbst machen verschiedene Erfahrungen, die für sie ungewohnt sind. Das Innenleben der Figuren ist in diesem Roman wichtiger als die eigentliche Handlung. Diese beschränkt sich als Kulisse auf das kleine Dorf, aus dem July stammt. Gordimer zeigt in diesem Roman, wie ungleich die Machtverhältnisse im Apartheid-System zwischen den verschiedenen Bevölkerungsgruppen sind und wie eine potenzielle Revolution große Auswirkungen auf das Selbstverständnis einzelner Charaktere haben kann.[22]
Nadine Gordimers Literatur wurden in 30 Sprachen übersetzt und mehrere ihrer Romane erhielten große internationale Aufmerksamkeit.[23] Alle Romane Gordimers haben eine Gemeinsamkeit: Sie zeigen ohne Ausnahme
Missstände in der südafrikanischen Gesellschaft und Politik auf. Themen wie (Alltags-)Rassismus, soziale Ungleichheit, systematische Unterdrückung und Diskriminierung finden in ihren Büchern einen Platz. Jochen Petzold schreibt in seiner Biografie über Nadine Gordimer, dass sie „sich nie als politische Autorin [sah], und das [wäre] insofern auch richtig, als ihre Bücher keine politischen Programme vertreten, außer dem, Diskriminierung und Rassismus konsequent abzulehnen.“[24] Gordimer selbst beteuerte, dass sie keine Politikerin sei, sondern Künstlerin bzw. Schriftstellerin.[25] Das heißt aber nicht, dass ihre Texte nicht sehr politisch waren. Über die Literatur übte Gordimer Kritik am Apartheid-System in ihrem Heimatland und unterstützte durch ihre Bekanntheit und ihre schriftstellerische Begabung den Widerstand gegen das System und seine Anhänger:innen in Südafrika.
Für ihr literarisches Lebenswerk erhielt Nadine Gordimer 1991 den Literatur-Nobelpreis. Aus der Begründung geht hervor, dass sie als Schriftstellerin „durch ihre großartige epische Dichtung der Menschheit – um mit Alfred Nobel zu sprechen – einen überaus großen Nutzen erwiesen hat.“[26] Gordimer war die siebte Frau, die einen Nobelpreis in Literatur verliehen bekam.[27]

Nadine Gordimer nach der Entgegennahme ihres Nobelpreises in der Stockholm Globe Arena am 10. Dezember 1991. © Nobel Foundation. Photo: Lars Åström
Politisches Engagement
Nadine Gordimer war nicht nur eine bekannte Schriftstellerin. Ihr gelang es, sich mit ihrer Literatur ein Machtinstrument zu schaffen, mit dem sie international auf die Zustände in Südafrika aufmerksam machen konnte. Doch nicht nur durch ihre Literatur setzte sie sich gegen die Apartheid ein.
Die Wahlen von 1948 gründeten den Weg zum Apartheid-System, unter dem das Land mehr als 30 Jahre leiden sollte. Auf die Wahlen folgten mehrere Apartheidgesetze, welche die schwarze Bevölkerung zunehmend von der weißen Bevölkerung separierten[28]. Der Afrikanische Nationalkongress (ANC) war zu dieser Zeit die größte und bedeutendste Organisation im Kampf gegen die Apartheid. Er forderte seine Anhänger dazu auf, zu streiken, Produkte und Dienstleistungen zu verweigern sowie zivilen Ungehorsam auszuüben. Ab 1952 startete der ANC zusammen mit einer kommunistischen Partei eine Kampagne, mit der sie durch unnötige Verhaftungen aufgrund kleiner Ordnungswidrigkeiten das Justizsystem stören wollten. Dadurch wuchs der Bekanntheitsgrad der Partei und ihre Mitgliedszahlen vervielfachten sich. Nadine Gordimer verurteilte die politischen Ereignisse, doch war sie zu dieser Zeit nicht dazu bereit, sich an den Protesten zu beteiligen und eine Verhaftung zu riskieren, zumal sie gerade durch die Trennung von ihrem ersten Ehemann Gerald Gavronsky alleinerziehende Mutter geworden war.[29]
Durch den Kontakt zu Bettie du Toit, die Mitglied der kommunistischen Partei war, bildete sich Gordimers politische Einstellung weiter aus. In einem Bus-Boykott 1957, bei der die schwarze Bevölkerung aufgrund von erhöhten Ticketpreisen aus Protest lange Märsche zu ihren Arbeitsplätzen auf sich nahm, half Gordimer den Protestierenden, indem sie sie mit ihrem Auto zwischen der Stadt und den Arbeitsplätzen hin und her fuhr, um einigen wenigen zumindest den Weg zu verkürzen. Auch wenn diese Aktion keine große politische Auswirkung hatte, so setzte Gordimer ein bedeutsames Zeichen zur Unterstützung des Widerstands gegen die Apartheid.[30]
Gordimers politisches Engagement nahm in den 1960er Jahren bedeutend zu. Vielen schwarzen Afrikaner:innen war die Politik des ANC nicht radikal genug und so spaltete sich ein Teil der Partei ab und gründete 1959 den Pan Africanist Congress (PAC). Der Protest in Sharpeville, von dem man später als Sharpeville-Massaker sprechen würde, ging auf einen Aufruf des PAC zurück. Durch anhaltende Streiks, die im ganzen Land stattfanden aus Protest gegen die Ereignisse in Sharpeville, rief die Regierung den Ausnahmezustand aus. Die Konsequenzen der Apartheid-Regierung waren das Verbot des ANC und des PAC sowie der Ausbau der polizeilichen Behörden.
Obwohl die beiden Parteien von nun an verboten waren, ging der Aktivismus im Untergrund weiter. Nelson Mandela, der Mitglied des ANC war, gründete zusammen mit anderen Aktivist:innen eine paramilitärische Gruppe mit dem Namen Umkhonto we Sizwe („Der Speer der Nation“). Man veränderte mit dieser Gruppe die Vorgehensweise von friedlichem zu radikalerem Widerstand in Form von im Jahr 1961 startenden Sabotageakten. Die Handlung des Romans Die spätbürgerliche Welt ist von dieser Entscheidung inspiriert. Durch die Sabotageakte wurde die Organisation kurz darauf als Terrorgruppe eingestuft und Mandela wurde 1962 verhaftet.[31]
Gordimer besuchte viele der Verhandlungen des Rivonia Trial, bei dem Nelson Mandela zu lebenslanger Haft verurteilt wurde. Nach den Gerichtsverhandlungen flüchteten viele Aktivist:innen und Schriftsteller:innen aus Südafrika und emigrierten, doch Gordimer und ihr zweiter Ehemann Reinhold Cassirer entschieden sich zu bleiben, denn Gordimer nahm ihre Inspiration für die Romane aus den tagtäglichen Geschehnissen in ihrem Land und sie war der festen Überzeugung, dass sie außerhalb Südafrikas nichts gegen die Apartheid tun könne. [32]
Ende der 1960er/Anfang der 1970er Jahre wurde Gordimer eingeladen, an verschiedenen Universitäten wie Harvard, Michigan University und Columbia University Vorträge zu halten, auch in Kapstadt konnte sie 1972
Vorlesungen über schwarze Autor:innen und deren Literatur halten [33]. In ihrem Heimatland entwickelte sich in den späten 70er Jahren die Black Consciousness Bewegung. Diese war überzeugt davon, dass durch diet Jahre der Unterdrückung und überwiegend weißen Führungskräften, die schwarze Bevölkerung auch in Widerstandsgruppen ein Minderwertigkeitsgefühl entwickelt hatte. Das galt es zu überwinden, indem sich die Schwarzen im Widerstand einheitlich von den weißen Mitgliedern abspalteten. Schon 1968 wurde die South African Students‘ Organisation (SASO) gegründet, deren Mitglieder nur Schwarze sein sollten. Diese Zeit war für Gordimer sehr schwierig, da sie die Kontakte mit schwarzen Freund:innen sehr genossen hatte und sie unter dem fehlenden Austausch mit ihnen litt.[34]
Durch Aufstände in Soweto 1976 gegen das repressive Schulsystem für die schwarze Bevölkerung, ausgelöst durch eine weitere verschärfte Gesetzesänderung, gab es einen Umbruch in der politischen Lage des Landes. Die polizeilichen Behörden wurden ein weiteres Mal stark ausgebaut und im Jahre 1977 wurde auch die Black Consciousness Bewegung, die unter anderem zu Aufständen aufgerufen hatte, verboten und ihre Führung verhaftet. Sie wurden so sanktioniert, dass sie sich selbst nicht mehr öffentlich äußern und auch von anderen nicht erwähnt oder zitiert werden durften[35]. Gordimer hielt sich mit radikalen und öffentlichen Kommentaren weitestgehend zurück, da sie das Risiko einer Verhaftung und einem Berufsverbot nicht eingehen wollte. Später sagte sie, dass sie nie mutig genug gewesen sei und deshalb an politischen Aufständen nicht teilgenommen hätte [36]. Im Jahre 1979 nahm Gordimer an einer Menschenrechtskonferenz in Toronto (Kanada) teil [37].
Die 1980er Jahre in Südafrika waren von politischen Unruhen geprägt. Es kam vermehrt zu Boykotten, Aufständen und Streiks. Durch die paramilitärische Gruppe des im Untergrund weiterarbeitenden ANC kam es auch zu Anschlägen auf Kraftwerke, Bahnhöfe und andere infrastrukturelle Standorte im Land. In vielen sogenannten Townships, die Distrikte, in denen die schwarze Bevölkerung gezwungenermaßen wohnte, geriet die öffentliche Ordnung aus den Fugen. Aus diesem Grund rief die Apartheid-Regierung im Juni 1985 den Ausnahmezustand aus, der bis 1990 bestehen blieb. Während dieses Ausnahmezustandes konnte die Regierung Presse und Journalist:innen zensieren und ihnen verbieten, nicht genehmigte Publikationen über die Ausschreitungen im Land zu veröffentlichen. Gordimer versuchte dahingehend ihre Reichweite dafür zu nutzen, auf die Zensur in ihrem Land international aufmerksam zu machen. [38]
Im Juli 1986 entstand der Congress of South African Writers (COSAW), den Gordimer in seiner Gründung unterstützte. Jede:r konnte in den Verband eintreten und er war nicht einer bestimmten sozialen Schicht vorenthalten. Wer schreiben wollte, konnte es dort tun. Ziel der Vereinigung war es, durch selbstorganisierte Veranstaltungen gegen die systematische Vernachlässigung der schwarzen Bevölkerung durch das schlechte Bildungssystem zu wirken. Gordimer selbst organisierte Workshops zum kreativen Schreiben und unterstützte aufstrebende Schriftsteller:innen dabei, an ihren Texten zu arbeiten.[39]

Nadine Gordimer mit ihrem Ehemann Reinhold Cassirer, Schweden 1991. ©Nobel Foundation. Photo: Lars Åström
Am 2. Februar 1990 verkündete der Staatspräsident Frederik Willem de Klerk, die Aufhebung des Verbotes des ANC, des PAC, der kommunistischen Partei und 30 weiteren verbotenen Organisationen. Außerdem sollte die Verfügungsgewalt wegen des Ausnahmezustandes zurückgefahren und politische Gefangene wie Nelson Mandela freigelassen werden [40]. Nadine Gordimer war eine der ersten Personen, die Nelson Mandela nach seiner Freilassung sehen wollte [41]. Unmittelbar nach der Aufhebung des Verbotes des ANC trat sie offiziell in die Partei ein, wobei sie sich schon 1988 öffentlich als Unterstützerin der Partei bekannt hatte [42].
In dieser Zeit der politischen Umbrüche in Südafrika erhielt Nadine Gordimer 1991 den Literatur-Nobelpreis für ihr literarisches Lebenswerk.
Im Jahre 1994 fanden zum ersten Mal seit Jahrzehnten freie Parlamentswahlen statt und Nelson Mandela wurde neuer Präsident der Republik Südafrika. Mit dem Ablegen des Amtseides und dem souveränen Einzug des ANC in das südafrikanische Parlament war die Apartheid in Südafrika offiziell beendet.[43]
Die Zeit nach der Apartheid
Mit dem Ende der Apartheid hörte die politische Aktivität Gordimers jedoch nicht auf. 1998 wurde sie Goodwill-Botschafterin für die UN in dem Programm „UN-Dekade zur Beseitigung der Armut“ [44]. In Südafrika setzte sie sich für einen besseren Umgang mit der zunehmenden Verbreitung des HI-Virus/AIDS ein. 1982 verzeichnete Südafrika erste Fälle von Aids und in den Jahren danach sollten die Infektionszahlen steigen. Zu dieser Zeit leugnete der damalige Präsident Mbeki, dass es den HI-Virus wirklich gäbe, und somit wurde durch die Regierung nichts zur Bekämpfung des Virus getan. Um auf die Lage in Südafrika aufmerksam zu machen, hielt Gordimer Reden und veröffentlichte Gastbeiträge. [45]
2003 begann Gordimer damit, Kontakt mit vielen Schriftsteller:innen aufzunehmen, mit der Bitte, Kurzgeschichten für einen Sammelband zu schreiben, dessen gesamter Erlös für die Beschaffung von Medikamenten zur Bekämpfung von AIDS verwendet werden sollte. Alle kontaktierten Autor:innen nahmen ohne Bezahlung teil [46]. Die Kurzgeschichtensammlung Telling Tales, bestehend aus 21 Kurzgeschichten von bekannten Autor:innen, unter anderem vier Literaturnobelpreisträger:innen, erschien 2004 in zwölf Ländern. Außerdem schrieb sie weiterhin Romane, die sich mit der Lage in Südafrika nach der Apartheid beschäftigen, wie Keiner der mit mir geht (1994), Die Hauswaffe (1998), Ein Mann von der Straße (2001), Fang an zu leben (2005) und Beethoven war ein Sechzehntel schwarz (2008).
In ihrem letzten Roman von 2012 Keine Zeit wie diese, behandelt sie Themen wie Korruption und Fremdenfeindlichkeit. In der Handlung des Buches kritisiert sie deutlich die zunehmende Bereicherung der politischen Eliten und dass diese keine wirklichen Verbesserungen hinsichtlich der sozialen Lage der unteren Schichten und der schwarzen Bevölkerung unternahmen.[47]
Gordimer wurde im Oktober 2006 selbst Opfer von den Auswirkungen des gesellschaftlichen und politischen Systems, welches sie Jahrzehnte lang bekämpft hatte. Vier junge schwarze Männer brachen in ihr Haus ein, bedrohten sie und ihre Haushälterin und nahmen wertvolle Gegenstände mit, wie auch Gordimers Ehering, welcher ihr besonders am Herzen lag. Gordimer hatte keinen Elektrozaun mit Stacheldraht um ihr Grundstück gehabt, wie andere in ihrer Gegend, da sie dies aus ihrer Überzeugung heraus nicht wollte. Nach dem Einbruch gab sie jedoch nicht den jungen Männern die Schuld, sondern dem System, das diese Jugendlichen immer vernachlässigt hatte und diese daher kaum eine andere Wahl gehabt hätten, als kriminell zu werden.[48]
In einem Interview mit Spiegel Kultur sagte sie 2013, ein Jahr nach der Veröffentlichung ihres letzten Romanes, dass ihre schriftstellerischen Tage vorbei seien und sie „nicht bereit [sei], etwas Zweitklassiges zu schreiben.“ [49] Ihr politisches Engagement jedoch hat sie bis an ihr Lebensende nicht aufgegeben.
Nadine Gordimer verstarb am 13. Juli 2014 in Anwesenheit ihrer Familie in ihrem Haus in Johannesburg.

Nadine Gordimer bei ihrer Nobelpreisrede in der Schwedischen Akademie am 7. Dezember 1991. © Nobel Foundation. Photo: Lars Åström
Autorin: Luna Rosemann
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Quellen:
- Gordimer, Nadine: Writing and Being, in: Nobel Prize in Literature, Nobel Prize Lecture, Dezember1991, URL: https://www.nobelprize.org/prizes/literature/1991/gordimer/lecture/, abgerufen am: 18.02.2026.
- Frieling, Simone: Die Stimme des weißen Südafrika. Zum Tod von Nadine Gordimer, in: literaturkritik.de, C.H.Beck, 2014-2016, URL: https://literaturkritik.de/id/19536 , abgerufen am: 18.02.2026.
- Head, Dominic: Nadine Gordimer, Cambridge 1994.
- Hossli, Peter: Die Stimme Afrikas, in: Sonntagsblick Magazin, Mai 2010, URL: https://www.hossli.com/articles/2010/05/30/die-stimme-afrikas/ , abgerufen am: 18.02.2026.
- Keller, Maren: Die Vehemenz der alten Dame. Besuch bei Nadine Gordimer, in: Spiegel Kultur, November 2013, URL: https://www.spiegel.de/kultur/literatur/nadine-gordimerliteraturnobelpreistraegerin-
wird-90-a-934585.html , abgerufen am: 18.02.2026. - Kildahl, Karen A.: Nadine Gordimer, in: EBSCO, 2022, URL: https://www.ebsco.com/research-starters/biography/nadine-gordimer, abgerufen am: 14.07.2026.
- O. N.: Südafrikanische Literatur-Nobelpreisträgerin gestorben, in: Die Zeit online, Juli 2014, URL: https://www.zeit.de/kultur/literatur/2014-07/nadine-gordimer-gestorben-literatur-nobelpreis ,abgerufen am: 18.02.2026.
- Petzold, Jochen: Nadine Gordimer. Eine starke Stimme gegen die Apartheid, Darmstadt 2023.
- Shain, Milton; Pimstone, Miriam; Lazar, Karen: „Nadine Gordimer.“ In: Shalvi/Hyman Encyclopedia of Jewish Women, Jewish Women’s Archive, February 2009, URL: https://jwa.org/encyclopedia/article/gordimer-nadine , abgerufen am: 19.02.2026.
- Stanford, Simon: Nadine Gordimer. Interview, in: Nobel Prize in Literature, Nobel Prize Interview, April 2005, URL: https://www.nobelprize.org/prizes/literature/1991/gordimer/interview/ , abgerufen am: 18.02.2026.
- Wästberg, Per: Nadine Gordimer. Article, in: Nobel Prize in Literature, Nobel Prize Article, April 2001, URL: https://www.nobelprize.org/prizes/literature/1991/gordimer/article/ , abgerufen am: 18.02.2026.
Fußnoten:
